Fotografie? Die Faszination, sehen sichtbar zu machen.

Heike Rost ist als Fotografin spezialisiert auf Begegnungen mit Menschen, mit Emotionen, mit Atmosphäre und besonderen Momenten. Als Journalistin arbeitet sie mit dem Fokus auf Visuelle Kultur, Fotografie und artverwandte Themen. Als Trainerin gibt sie Seminare, Workshops und Vorlesungen zu Visueller Kultur, Fotografie und Bildsprache.

 

Frau Rost, was bedeutet Ihnen die Fotografie?

Ich liebe meinen Beruf. Weil ich diese Welt, in der wir leben, unglaublich spannend, schön, berührend, traurig, furchtbar … finde. Immer wieder staune über ihre Vielfalt. Und weil es faszinierend ist, Dinge sichtbar zu machen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Leise Geschichten zu erzählen, die es wert sind, gehört und gesehen zu werden. Weil Fotografie so viel mit Gefühlen zu tun hat, mit Momenten und kleinen Dingen, deren Wichtigkeit, Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit wir oft vergessen oder unterschätzen.

 

Wirklich sehen in der Fotografie ist oft nicht einfach. Kann man „Sehen“ trainieren?

Ja, kann man. Das kann allerdings lange dauern … weil Sehen eine sehr komplexe Sache ist. Und weil Menschen recht unterschiedlich getaktet sind: Der eine ist mehr Sprachmensch, der andere denkt in Bildern. Ginge es nur um Sehen im biologischen Sinne, hell-dunkel, Farbe, wäre das sehr einfach. Komplex wird Sehen durch seine neurologische Komponente, beispielsweise Dreidimensionalität oder Orientierung im Raum. Dazu kommt, dass Sehen sehr durch kulturelle Rahmenbedingungen geprägt ist: Erziehung, gesellschaftliche Prägung, individuelle Erfahrungen. Wir sehen, was wir sind. Und sehen die Welt, wie wir sind.

 

Wie wirkt sich Ihrer Meinung nach das Digitalzeitalter auf eine Kultur des Visuellen aus?

Wer ausschließlich Fastfood konsumiert, kennt oft den Geschmack frischer Erdbeeren nicht mehr. Wer Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe in die Mikrowelle wirft, kann oft genug nicht mehr selbst kochen. Und verlernt auf diese Weise Wertschätzung.

Erfreulicherweise gibt es immer noch (und nach meinem Eindruck zunehmend wieder mehr) Menschen, denen eine gewisse Kultiviertheit wichtig ist. Die dafür bereit sind, Geld auszugeben. Denen Individualität wichtiger ist statt Beliebigkeit und ständige Verfügbarkeit. Die wertschätzend mit Menschen und ihrer Umwelt umgehen und Werte schätzen.

 

Gibt es Situationen, wo Ihnen Ihr „bewusstes“ Sehen etwas besonderes, einen Vorteil, andere Möglichkeiten beschert hat (fotografisch aber auch menschlich oder im Alltag)?

Fotografie ist wunderbar. Die Reihenfolge ist für mich eine andere: Das Leben ist wichtig. Die Menschen um uns herum. Der Mensch, der wir sind. Daraus erst entstehen die Bilder. So gesehen ist die Weiterentwicklung der eigentlichen Persönlichkeit unverzichtbar. Erst als Mensch, dann als Fotograf/in.

Wer genau hinschaut und zuhört, entdeckt oft ganz andere Wahrheiten. Sieht bisweilen Übersehenes – und geht anders mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen um. Sieht vielleicht anders hin, entdeckt in Gesichtern, Mimik und Körperhaltung von Menschen, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie unter Druck stehen. Das ist Achtsamkeit, der Beginn von gegenseitigem Verständnis und Respekt, Grundlage für so vieles im Leben. Fotografie, visuelle Kultur können dafür ein wichtiger Beitrag sein.

 

Wie sieht ein mangelhafter Umgang mit visueller Information (Bildern) aus? Welche negativen Auswirkungen hat dieser auf unsere Bildung, Meinungsbildung und unseren Informationskonsum?

Ein komplexes Thema. Was sehen wir, was übersehen wir in dieser unüberschaubaren Menge von Bildern? Was ist Wahrheit? Keine neue Frage, ganz im Gegenteil. Wir haben heute viele Möglichkeiten – auch die der sehr einfachen Bildmanipulation und -fälschung. Dank Digitalzeitalter haben wir aber auch viel mehr Möglichkeiten, zu prüfen, zu hinterfragen und zu entlarven. Auch das ist keine neue Erkenntnis, eher die Neufassung einer »ollen Kamelle«: Selbst zu denken war noch nie bequem, sondern immer mit ziemlich viel Arbeit verbunden, ob Lesen oder »Bilder zu fressen«…

 

Warum geben Sie Workshops?

Weil ich mich sehr gut daran erinnere, wie mir die Finger beim Filme einlegen gezittert haben. Weil ich die Angst vor dem verlorenen, verpassten, vergeigten Bild auch nach 30 Jahren mit Fotografie und Kameras kenne. Weil es in der Fotografie kein richtig oder falsch gibt – sondern eine Handschrift, die man finden, entwickeln, trainieren und immer wieder üben sollte. Am besten mit Hilfe von entspannten Trainern, die selbst immer wieder um »das« Bild und »die« Ausdrucksweise ringen.

Weil nichts in Stein gemeißelt ist. Weil auch Trainer scheitern – und hinterher vielleicht gescheitert, aber eventuell gescheiter sind. Weil auch Trainer täglich lernen. Weil selbst Trainer ab und an ordentlich auf die Schnauze fallen. Und wieder aufstehen – um anderen dabei zu helfen. Gemeinsam, im Team, entspannt und mit Spaß an der Sache.

 

Der nächste Workshop mit Heike Rost bei der IF/Academy 8.-10. Juli

Der nächste Workshop mit Heike Rost findet vom 8.-10. Juli am Starnberger See statt, mit dem Titel „Die Kamera ist nur ein Werkzeug“. In dem Workshop erfahren Teilnehmer, dass eine schlichte Ausrüstung zum verblüffenden Motor für das Sehen, die Kreativität und Ideen werden kann. Der Umgang mit eher spartanischer Ausrüstung wird zum exzellenten Training für die visuellen Fähigkeiten der teilnehmenden Fotografen. Mehr Informationen zum Workshop finden Interessierte unter http://www.if-academy.net/workshop-kamera-nur-werkzeug

heikeRost

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