Portraitfotografie. Eine Wertschätzung.

Die amerikanische Portrait, Familien und Kinder Fotografin Jeanine Thurston erhielt einen Brief von einer Klientin, für die sie schon viele Familienfotos gemacht hat. Die Verfasserin bereut, dass sie den letzten Fototermin absagte. Wohlwissend, dass die Fotografin ihren Preis wert ist und sie wohl wieder alle Bilder am Ende bestellen würde waren ihr die Kosten im Moment zu viel. Stattdessen gab sie ein Teil dieses Budgets für Friseur, Maniküre und Restaurant aus. Sieben Wochen später erhielt sie die unerwartete Nachricht, dass sie Krebs im Endstadium hat. In ihrem Brief drückt sie Ihr tiefstes Bedauern aus, dass ihre Priorität nicht das Erstellen von Erinnerungsfotos gewesen war. Gerne hätte sie diese ihrem Mann und Kindern hinterlassen. Ein unbezahlbarer Wert.

Leser streiten sich darüber, ob der Brief echt ist oder ein cleverer Marketing Trick der Fotografin. Die Wirkung bleibt. Es macht einen nachdenklich, wie wertvoll Portraits und Bilder von lieben Menschen sein können, insbesondere solche, die richtig gut gemacht sind.

Wenn man Menschen fragt, was sie aus ihrem brennenden Haus retten würden, befinden sich darunter meistens auch Fotos (Album oder Festplatte mit Bildern). Oftmals auch spezifiziert, Bilder mit Familienangehörigen oder wichtigen Freunden. Foster Huntington hat Menschen auf der ganzen Welt diese Frage gestellt und die Ergebnisse auf einer Webseite festgehalten (The Burning House). Dieser Impuls, festgehaltene Erinnerungen nicht zu verlieren, sagt uns einiges über die Rolle der Fotografie in unserem Leben. Und welche Bilder werden am häufigsten gemacht, betrachtet, aufbewahrt oder aufgestellt? Von lieben Menschen und besonderen Augenblicken. Sie stellen eine visuelle Verbindung her. Sie helfen uns, die Menschen zu zelebrieren, die unter uns sind und die zu ehren und zu erinnern, die nicht mehr da sind.

Portraits sind auch Geschichten von Menschen, die wir nicht kennen, die uns aber durch ihr Foto näher gebracht werden. Wie zum Beispiel die Menschen von New York in dem Projekt Humans of New York, das zu einem Riesenerfolg und mittlerweile in anderen Städten umgesetzt wurde. Die Bilder dieser Menschen und ihre Zitate gehen in digitaler Form um die ganze Welt. Mittlerweile sind sie auch als Buch veröffentlicht. Es zeigt das Interesse an anderen Menschen und ihren Geschichten. Genauso bewundern und betrachten wir Portraits von Menschen, die wir „glauben zu kennen“ und die uns in allen fotografischen Interpretationen gezeigt werden – Bilder von Prominenten und denen, die in der Öffentlichkeit stehen. Auch dies sind „wertvolle Portraits“, da sie Geschichte widerspiegeln und die Veränderung des „Menschenbildes“ in verschiedenen Dekaden zeigen. Den 2017 Pirelli Kalender hat der bekannte Fotograf Peter Lindbergh mit der Idee fotografiert, dass Schönheitsbild der Frauen anders darzustellen. In einer Zeit wo Frauen in den Medien und Werbung als Botschafterinnen für Perfektion und Jugendlichkeit repräsentiert werden, sah er die Notwendigkeit daran zu erinnern, dass es eine andere Schönheit gibt, realer und ehrlicher und nicht manipuliert oder retouchiert. In seinen Portraits für den Pirelli Kalender möchte Lindbergh eine Schönheit darstellen, die Individualität ausdrückt, und den Mut, zu sich selber zu stehen. Auch diese Bilder sind nicht nur eine Freude, zu betrachten, sie berühren auch und können anregen, nachzudenken. Wer sind wir? Kann dies durch Portraits dargestellt werden?

Portraits erzählen Geschichten. Sie berühren. Sie begleiten uns. Sie sind eine visuelle Verbindung zu geliebten Menschen, zur Geschichte und Gesellschaft in der wir leben.

Vielleicht sind auch einfach alle Fotografien irgendwie Portraits? So wie Peter Lindbergh es sieht: “For me, every photograph is a portrait; the clothes are just a vehicle for what I want to say. You’re photographing a relationship with the person you’re shooting; there’s an exchange, and that’s what that picture is.”

Bemühen wir uns, auch weiterhin wertvolle Portraits zu schaffen.

…………………….

Masterclass Portraitfotografie im Studio mit John McDermott Ende Januar in München. >> Infos

Photocredit © John McDermott

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One thought on “Portraitfotografie. Eine Wertschätzung.

  1. I couldn’t agree more to Peter Lindbergh’s thought that everything can be a portrait: A landscape can be a portrait – of a secret map in a photographer’s mind and heart. An architecture shoot can be a portrait – of a concept of light, structures, lines and shadows and also of the architect’s idea of space.
    More or less every photograph mirrors the photographer’s mind … possibly also a portrait. At least kind of. 😉

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