Du denkst zu viel. Mach erst mal! Denken versus Machen.

„Du denkst zu viel. Machen!“ sagt mir der eine. Der nächste rät mir „Jetzt denk doch erst mal nach. Und dann erst loslegen!“ Diese beiden Ratschläge scheinen sich die Waage zu halten. Ja, was denn nun?

“Weil aber das Tun reicher macht als das Denken darüber, wächst uns in schwierigen Tagen am Berg viel Selbstsicherheit zu.” Reinhold Messner betont immer wieder, das „Machen“ der Weg ist, um sich sein Wissen aufzubauen, seinen Erfahrungsschatz und Fähigkeiten, Situationen einzuschätzen, zu erweitern. “Meine Lehren zog ich aus eigenem Tun sowie aus Erfahrungen anderer Grenzgänger. Wenn ich auf diese Weise gelernt habe, realistisch mit Gefahren umzugehen, so nicht, weil ich in die Schule gegangen bin sondern weil ich bei stetig höheren Risiken mein Überleben übte.“

Dabei macht er aber auch immer deutlich, dass vor jeder Bergbesteigung ein vorheriges Abwägen, Nachdenken, ein sich vor Augen führen der Route und Bewusstmachen bisheriger Erfahrungen die Überlebenschancen erhöhen. Wie bei allen Sportarten, Hobbies, künstlerischen und beruflichen Tätigkeiten verbessert man seine Fähigkeiten durch stetes üben. Das gleiche gilt natürlich für die Fotografie. Das aktive “Machen” erweitert das Spektrum der Fähigkeiten. Vorheriges Nachdenken führt zu besseren, sicheren oder überzeugenderen Ergebnissen. Macht ja auch Sinn. Nur nimmt sich heute keiner mehr Zeit, wirklich nachzudenken und die Menschen haben eine Schwäche für Abkürzungen. Oder, wie Gabor Steingart in seinem Buch „Weltbeben“ schreibt: „Die knappste Ressource der Gegenwart scheint nicht Geld, sondern Nachdenklichkeit“.

Erst denken, dann fotografieren

„Erst denken, dann fotografieren!“ Rüdiger Schrader, Coach, Fotograf und leitender Bildredakteur trainiert visuelles Denken als Voraussetzung für bessere Bilder. „Während der Amateur eher situativ fotografiert, er reagiert erst, wenn er ein Fotomotiv erkennt, trägt ein Profi seine Bildvisionen ständig in sich und sucht nach der optimalen Umsetzungsmöglichkeit.“ Bei Fotografie geht es ja nicht nur darum, den Auslöser zu betätigen, sondern den gesamten Prozess einer Aufnahme zu visualisieren – dazu gehört Vorbereitung, Ausführung und Nachbereitung. Das gleiche gilt für die Besteigung einer schwierigen Bergwand, oder die Führung eines Projekts oder Unternehmens.

Der Bereich Streetphotography ist ein gutes Beispiel zur Überlegung “Denken und Machen”. Für viele ist Streetphotography gerade die Fotografie, bei der man doch herumläuft und ohne groß zu überlegen das Geschehen um sich herum spontan festhält. Wirklich? „Ein sehr guter Fotograf hat sein Bild vorher im Kopf. Die weltbesten Fotografen machen genau die Bilder, die sie vorher im Kopf haben.“, sagt Schrader. „Wir müssen uns also vorher überlegen, wie wir unsere Aktionen anlegen, damit sich all das, was geschieht, sich nur auf eine Weise auswirken kann: nämlich zu meinen Gunsten. Und das kann man trainieren“, erklärt Coach und Fotograf Rüdiger Schrader.

Weniger Zeit mit der eigentlichen Arbeit verbringen

Für Ben Hammersley (in einem interessanten Interview…) besteht die Erzeugung eines Best-Ergebnisses darin, dass man Machen durch möglichst viel Denken ersetzt. So ist es möglich, „Aktionen zu seinen Gunsten zu lenken“, wie Rüdiger Schrader es formuliert. Hammersley geht soweit zu sagen: „Menschen sollten mehr Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was genau ihre Arbeit ist. Und viel weniger Zeit mit der eigentlichen Arbeit.“ „Es gehe darum, sich die Gesamtheit aller Aufgaben anzuschauen und zu entscheiden: Was sollte ich als Nächstes sinnvollerweise tun? Wer das nicht macht, ist permanent überwältigt von lauter Aufgaben, die gar nicht mehr relevant sind.“ Das gilt sicher für die Arbeit und den Alltag. Aber auch im kreativen Bereich hat sich gezeigt, dass innovativere, kreativere und sinnvollere Ergebnisse erzeugt werden, wenn man es schafft, sich Zeiträume frei zu halten, in denen man mehr Musse hat nachzudenken, das Unterbewusstsein arbeiten zu lassen und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Hammersley analysiert ununterbrochen alle Aspekte seines Lebens, vor allem seines Arbeitslebens. Sobald er merkt, dass er Handlungen wiederholt, versucht er sie zu automatisieren. Dadurch schafft er sich diesen “freien Zeitraum” für innovativere und interessantere Aktivitäten.

Etwas mehr denken bevor wir loslegen ist sicherlich in allen Bereichen ratsam. Leider ist Nachdenken rar geworden. Vielleicht geht deswegen soviel schief.

Du machst zu schnell! Denk erst mal!

Photocredit © Petra Stadler at IF/SummerAcademy


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