“…würdest du mich in deiner Welt und deinen Gedanken herumführen?”

Interview mit New Yorker Fotojournalistin Carey Wagner

New Yorker Fotojournalistin Carey Wagner hat Reportagen in der Karibik, Latein Amerika, USA, Asien-Pazifik Region und Asien fotografiert und gefilmt zu Themen wie Wahlen in Kaschmir, Kinderehe in Nepal, und häusliche Gewalt an Frauen in Florida. Ihr Fokus liegt auf komplexe Probleme und Krisendokumentationen in Bezug auf Frauen und Menschenrechte. Ihre Arbeiten erschienen in The New York Times, NBC News, Wall Street Journal, the Los Angeles Times, CARE, and Sports Illustrated. In einem Gespräch mit IF/Academy beschreibt sie ihr Leidenschaft und Hürden bei ihrer Arbeit.

IF/Academy: Wie und warum haben Sie mit der Fotografie angefangen?

Carey Wagner: Als ich 13 Jahre alt war hat mir mein älterer Bruder eine Pentax K1000 Film Kamera gegeben, die ein Freund in der Wohngemeinschaft hinterlassen hatte. Vielleicht wollte er sie einfach nur loswerden, aber ich nahm es mir zu Herzen, dass er mir ein Geschenk machte. Natürlich wusste ich noch nicht einmal, wie man überhaupt einen Film einlegte und somit hatte ich mich zu einem Kurs angemeldet. Ich war schon immer kreativ und neugierig und fand es super, Leute zu beobachten. Aber es brauchte eine Weile bis schließlich alle Puzzlestücke zusammen kamen und sich für mich der Weg zum Beruf der Fotografin eröffnete. Und als ich irgendwann Sport fotografierte, hat mich die Fotografie nicht mehr losgelassen.

IF/Academy: Was bedeutet die Fotografie für Sie? Warum ist sie für Sie wichtig?

Carey Wagner: Für mich ist die Fotografie ein Mittel der Kommunikation, ein kreatives Outlet und eine Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden. Es geht nicht nur darum, wie ich sehe, sondern in der Lage zu sein, Leute festzuhalten, wie sie sich selber sehen. Ich denke, dies bietet die Möglichkeit, mehr Empathie und Verständnis für andere aufzubauen. Als professionelle Fotografin ist es mir möglich, direkt aus erster Hand etwas über die Welt zu lernen, wenn ich Menschen treffen kann und fragen kann “würdest du mich in deiner Welt und deinen Gedanken herumführen?

IF/Academy: Für Ihre Reportage Arbeit, arbeiten Sie sowohl mit Still Fotos als auch mit Video: Wie bewerten Sie die beiden? Video wird mehr und mehr in Nachrichtendiensten und in den Sozialen Medien eingesetzt. Kann Video die Fotografie ersetzen oder behält Fotografie seine Bedeutung?

Carey Wagner: Selbst mit Video-lastigen Projekten benutzt der Kunde meistens ein Still Foto um den Betrachter hinein zu ziehen, schneller gelesen zu werden oder dem Betrachter sogar einfach etwas zum Verweilen zu geben. Fotos sind nach wie vor ein starkes Kommunikationsmittel und ich habe keine Bedenken, sowohl Still Fotos als auch bewegende Bilder als Optionen zu haben.

Wenn ein und dieselbe Person sowohl Fotografie als auch Video machen muss (für einen Auftrag) bedeutet das sicherlich, dass letztendlich die Qualität beider darunter leidet. Wenn machen Sie Fotos und wann nehmen Sie Video? Sie können nicht beides gleichzeitig machen…

Manchmal tut mir der Kopf weh nach einem kurzen, schnellen Auftrag, wo ich sowohl Foto als auch Video eingesetzt habe. Es sind zwei unterschiedliche Arten zu denken und nicht immer einfach, beide gleichzeitig durchzuführen. Bei der Fotografie schauen wir nach Schlüssel- oder Entscheidungsmomenten, man muss also bereit sein und vorbereitet wenn diese organisch passieren. Mit Video möchte man diese Momente auch, allerdings zusätzlich auch Details, die der Geschichte einen roten Faden verleihen sowie Ton und eventuell Interviewbestandteilen, die passend sind.

Gibt es eine Möglichkeit, im voraus zu ahnen welches Medium die Geschichte besser erzählt? Gute Frage. Oder man nähert sich der Aufgabe kontrollierter. Man plant ein Video mit begleitenden Portraits, die zu einem anderen Zeitpunkt gemacht werden oder man macht ein Kurzvideo bestehend aus Interviews mit ausgewählten Leuten nach einem Fotoshooting. Es ist wichtig, dass beiden Medien genug Zeit gewidmet wird und genauso, dass man seine Denkprozesse verändert, wie wenn man zwischen Sprachen wechselt.

Viele meiner ausgezeichneten Kollegen machen beides unter Zeitdruck und sind sehr gut. Aber wir bevorzugen zu sagen ‚wir können nicht beides machen’. Zumindest nicht halb so gut, wie man es sich vorstellen könnte zu fotografieren oder filmen, wenn man sich die ganze Zeit nur auf eines konzentrieren könnte.

IF/Academy: Wenn Sie einen Auftrag bekommen, einen sozialen oder politischen Brennpunkt zu dokumentieren wie bereiten Sie sich vor und was sind die ersten Schritte vor Ort, wo Sie die Reportage machen sollen?

Carey Wagner: Es gibt keine ‘eine Lösung’ sich auf das vorzubereiten, was man vor Ort zu sehen bekommt oder erlebt. Als das International Reporting Project mir ein Forschungsstipendium zusprach, um die geschlechterspezifische Gewalt in Papua Neuguinea zu dokumentieren habe ich mich mit sehr viel Recherchearbeit vorbereitet. Dies schloss ein Leute zu finden, die dort schon Reportagen gemacht haben, Reports und Dokumente zu lesen, Organisationen anzurufen, die vor Ort tätig sind, um ihre Arbeit zu beobachten. Daraus habe ich ganz lockere Reiseroute zusammengestellt. Allerdings ergab sich erst nach meiner Ankunft, nachdem ich mich mit Leuten direkt getroffen habe, wie ich zu den Orten kam, wo ich hinmusste oder wo ich die Menschen treffen konnte, die ich treffen wollte. Beziehungen aufbauen ist so unglaublich wichtig. Meine ersten Tage waren total frustrierend, aber nach fünf Wochen riefen mich Leute an mit Namen von Individuen, die ihre Geschichte mit mir teilen wollten. An Orten, wo ich nicht die Sprache spreche, ist es wichtig sich auf Verbindungen verlassen zu können, die das Land kennen oder die als Quelle dienen oder die Nuancen erklären der Situationen, die ich sehe. Es ist seltsam was ich mache (in den Augen derer, die dokumentiert werden), daher ist es wichtig freundlich, flexibel und fokussiert zu sein.

IF/Academy: Sie haben Geschichten dokumentiert in Ländern, die nicht einfach zu navigieren sind – gab es „mehr Schwierigkeiten“, weil sie eine Frau sind?

Carey Wagner: Ich genieße es, eine Frau zu sein. Am Anfang meiner Karriere als Fotojournalistin habe ich viel Energie darauf verwendet, von dieser Tatsache abzulenken weil es ein Männer-dominierender Sektor ist. Mittlerweile waren einige meiner Lieblingsmomente die, in denen ich mich mit Frauen auf der ganzen Welt verbunden habe, da wir unsere Unterschiede, Ähnlichkeiten und Stärken geteilt haben. Für Fotografinnen gibt es sicherlich einige extra Blockaden, Sicherheitsbedenken (für welche ich professionelles Training erhalte) und verwirrte Blicke. Aber Respekt spielt auch eine Rolle. In Indien erschien ich zu meinem Auftrag und ein ‚Oh, Sie sind eine Frau!’ entwich aus dem Mund eines Herrn, mit der Bitte, mich konservativ zu kleiden. Später fragte mich ein Vater, ob ich seine Teenager Tochter beraten könne, da sie gerne Fotografin werden und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual) Rechte dokumentieren wollte. Immer noch ein Tabuthema in Indien.

IF/Academy: Was war bislang Ihr schwierigster Reportage Auftrag und warum?

Carey Wagner: Fotografen müssen Problem-Löser sein. Somit sind schwierige Aufträge Herausforderung, die es zu meistern gilt. Für mich sind Zeiten frustrierend, in denen ich vom ethischen Standpunkt her gefordert werde. Ich bin einige Male zu Reportage erschienen wo die ganze Veranstaltung oder der ‚Moment’ arrangiert waren. Manchmal fehlt es einfach an Verständnis, was wir Fotojournalisten machen und es braucht einige Zeit, richtig zu kommunizieren und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein wo tatsächlich etwas passiert. Dies und zu arbeiten, wenn ich krank oder verletzt war, sind schwierige Aufträge. Wie zum Beispiel bei einem Unterwasser Dreh, den ich unterbrechen musste, weil mir schlecht wurde. Mein Körper ist auch mein Werkzeug und nicht arbeiten zu können wäre schwer.

IF/Academy: Was vermitteln Sie in Ihrem Workshop?

Carey Wagner: In meinem Reportage Workshop möchte ich zeigen, wie man eine packende Geschichte erarbeitet, aufbaut und den Betrachter „mitnimmt“. Dabei ist es mir wichtig zu vermitteln, wie man Hemmungen abbaut bei der Annäherung an Menschen und dabei seinen eigenen Stil findet. Außerdem geht es darum zu lernen, wie man seine eigene Geschichte zu dem Thema findet, die durch Bilder erzählt werden kann. Ich werde von meinen Erfahrungen berichten und wir werden praktisch arbeiten in der Umgebung, wo jeder Teilnehmer eine Reportage erstellen kann.


Carey gibt ihren Workshop, in Englisch, an drei Tagen der IF/SummerAcademy, die vom 23.-27. August in Margreid an der Südtiroler Weinstraße stattfindet. Teilnehmer können sich eine Kombination verschiedener Workshops zusammenstellen, neben weiteren Abendprogrammen, Gesprächsrunden und Bilderschauen.

http://www.if-academy.net/workshops-summeracademy-2017/

Photocredit © Carey Wagner – Straßen Tangotänzerin in Buenos Aires
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