“Gegen die Vergänglichkeit und das Vergessen arbeiten”

Gestern bin ich einem spannenden Menschen begegnet. Er möchte

“gegen die Vergänglichkeit und das Vergessen arbeiten”

Er möchte sich die Zeit für das nehmen, was ihm wichtig erscheint und diese Eindrücke und Empfindungen in Unikaten, in nicht vervielfältigbaren, nicht kopierbaren, nicht wiederholbaren Einzelstücken verewigen. Kurt Moser aus Südtirol macht fotografische Aufnahmen, die 800 Jahre lang haltbar sind. Ein extremer Gegensatz zu Instagram und Smartphone Fotos, die wie Eintagsfliegen behandelt werden. Kurt Moser macht mit einer zwei Meter großen Holzkamera aus dem Jahr 1907 mit dem Ambrotypie Verfahren (1850 entwickelt) Fotos. Bei diesem Verfahren werden edle Glasplatten mit einem Silberbad sensibilisiert und in einer großformatigen Balgenkamera belichtet. Da schafft man ein Foto am Tag. Die Ergebnisse sind nicht reproduzierbare Unikate.

2MeterCamera
Photo © Claudia Brose im Studio von Kurt Moser

Wie der bekannte Fotograf und Fotojournalist David Burnett sagt, wenn Bilder nicht irgendwie ausgedruckt werden, wird es sie zukünftig nicht mehr geben. Er ist davon überzeugt, dass 80 % der Bilder, die von 80 % der Menschen gemacht werden in 10 Jahren nicht mehr existieren. „Hat irgendjemand noch die Speicherplatte von 1970 mit den Urlaubsbildern vom Mount Washington Trip? Ach, die Festplatte ist nicht mehr lesbar oder kaputt?“, versucht David Burnett vor Augen zu führen.

„Print it, folks. Better yet, turn your phone off, and start looking!” ist Burnetts Ratschlag.

Bilderflut, Urteilskraft, Erinnerung

Wie viel nimmt man denn noch wirklich von der Situation wahr, wenn die Kamera zum Auge wird, wenn die Flut der Bilder und Informationen so immens sind und man nicht, wie Burnett sagt, mal die Kamera beiseitelegt und tatsächlich schaut? Und wenn man damit beschäftigt ist, möglichst viele Bilder einer Situation, einer Szene oder einer Veranstaltung zu machen? Wie viel ist zu viel? Wie beeinträchtigt die visuelle Bombardierung unser Gehirn und Urteilskraft von dem, was wir auf den Bildern sehen?

Eine Untersuchung der Psychologie Professorin Linda Henkel an der Fairfield Universität (USA) zeigt, dass der ständige Blick durch die Kamera die Fähigkeit beeinträchtigt, tatsächliche Details und bestimmte Momente bewusst zu erleben und sie später aus dem Gedächtnis abzurufen. Man vergisst leichter und hält wenig fest. Ebenso beeinträchtigt das ständige, flüchtige Anschauen von Bildern oder die Berieselung mit Werbebildern unsere Urteilskraft, welche Bilder gut und schlecht sind oder ob wir überhaupt noch die Werbebilder wahrnehmen.

Beim Lesen ist es nicht anders. Man kann alle Artikel einer Zeitung lesen und am Ende weiß man gar nicht mehr, was man alles aufgenommen hat. Das Gehirn blockt, eventuell erinnert man sich oberflächlich an einige Inhalte, Details sind sowieso auf der Strecke geblieben. Wählt man hingegen einige Artikel aus, die man bewusst liest und verarbeitet, bleibt die Info oder das neue Wissen viel eher im Gedächtnis verankert. So wurde auch in der Untersuchung der Professorin Linda Henkel festgestellt, dass wenn beim Fotografieren auf Details oder bestimmte Aspekte hinein-gezoomt wird, die Erinnerung weniger beeinträchtigt ist als bei den Versuchspersonen, die alles in einem Museum einfach nur fotografieren sollten. Ähnliche Effekte also wie beim ausgewählten, fokussierten Lesen. Und das lässt sich auf viele andere Bereiche im täglichen Leben übertragen.

Dauerhaftes, Unfassbares, Echtes

Ein „immer mehr und mehr“ macht unsensibel. Die bewusste Zurückhaltung hat auch einen weiteren Vorteil. Fotografiert man etwas bewusster und kreiert keine endlose Bilderflut, nimmt man sich auch eher die Zeit, nur durch eintausend Bilder zu wühlen anstatt durch zehntausend. Dann hat man auch die Ruhe auszuwählen, welche Fotos man behält und sogar ausdruckt, um eine tatsächliche, in der Zukunft noch existierende Erinnerung zu haben.

Kurt Moser hat sich für einen reduzierten, bewussteren und bleibenden Umgang mit der Fotografie entschieden. Nachdem er sich über 30 Jahre als Fotograf und Kameramann für Fernsehsender mit Bilderfluten in der ganzen Welt auseinandergesetzt hat, arbeitet er jetzt an einem Projekt, bei dem er die Dolomiten und einige ihrer uralten Bauern auf 1 Meter mal 1,50 großen schwarzen Glasplatten verewigt. Er möchte bleibende Werte erzeugen. ”

“Ich möchte mich von der globalen digitalen Pixelzählmanie distanzieren, echte Handarbeit leisten und etwas Dauerhaftes, Unfassbares, Echtes, Schönes schaffen.” – Kurt Moser

Ich würde sagen, etwas mehr gegen Vergänglichkeit und Vergessen zu arbeitenwürde uns allen etwas gut tun.

Photocredit Headerbild © Ralph Rosenbauer

Bei der IF/SummerAcademy Ende August an der Südtiroler Weinstraße haben wir vielleicht das Glück, dass Kurt Moser, zusammen mit einem Fotografen Kollegen, Jürgen Lechner, eine Vorführung dieses alten Fotografier Verfahrens gibt. Wir drücken die Daumen.

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