„Bei der Autofotografie geht es für mich in erster Linie um die Sinne“

Ein Interview mit Petra Sagnak, leidenschaftiche Profifotografin für Klassische Automobile.

Petra Sagnak liebt Fotografie und Autos, insbesondere die alten Klassiker. Sie hat es geschafft, beide Leidenschaften zu kombinieren und fotografiert mit einem sinnlichen Blick für die Details historischer Fahrzeuge. In Petras Fotos spiegeln sich ihre Begeisterung für die technische Perfektion und die Formgebung klassischer Automobile wider. Ihre Auftraggeber sind internationale Veranstalter von Oldtimer-Events, Besitzer klassischer Fahrzeuge, Automobilclubs oder Fachmagazine. Sie legt Wert darauf, fotografische Geschichten zu erzählen, die den Charakter und die individuelle Historie der Fahrzeuge vermitteln, die auch die Besitzer mit einschließen können. Ihre Bilder der “Mille Miglia” sind zum vierten Mal hintereinander ausgezeichnet worden.
In einem Gespräch mit Claudia Brose (CB) der IF/Academy berichtet Petra Sagnak (PS) über ihre Leidenschaft und Herausforderungen ihrer Arbeit.

CB: Was macht die Fotografie mit uns?

PS: Fotografie hat das Potential unserer Seele Nahrung zu geben. Welches Motiv auch immer unsere Aufmerksamkeit zu binden vermag – immer gibt uns die Fotografie die Möglichkeit zur Auseinandersetzung. Zum einen mit dem Gegenüber, aber immer auch in der Reflexion mit sich selbst. Fotografie schult unser Sehen. Sie ermöglicht uns, anders zu sehen – tief und emotional.

CB: Du hast dich auf das Fotografieren klassischer Automobile spezialisiert. Was ist für dich so besonders an der Autofotografie?

PS: Die Autofotografie bietet unglaublich viele Aspekte: Seien es die wunderbaren Fahrzeuge mit dem Geruch der „guten alten Zeit“ – oder in Verbindung damit die Menschen, die sie besitzen, fahren oder einfach nur betrachten. Mich fasziniert, dass immer irgend etwas geschieht. Häufig völlig Unerwartetes. Diese kleinen Geschichten in Verbindung mit im Grunde „leblosen“ Gegenständen erzählen unglaublich viel.

Beim Fotografieren geht es für mich in erster Linie um die Sinne. Das Geschehen aufzunehmen und zu verarbeiten, das Ganze zu fühlen – und all dies in ein einziges Bild zu packen, ist eine wunderbare Herausforderung.

CB: Technik versus Storytelling in der Fotografie – Wie stehst du dazu?

PS: Gerade auch bei der Autofotografie gilt es, technische Schubladen auszuwählen, die wir benötigen um „unser Bild“ zu gestalten. Sie sind Hilfsmittel um genau das auszudrücken, was ich als Fotograf bildlich vermitteln möchte. Mitzieher, Spiegelungen, Reflexionen, die Wahl des passenden Objektives und so weiter sind Grundlagen, die sitzen müssen. Erst wenn man die technischen Grundlagen beherrscht fängt die Kunst an, diese Regeln bewusst zu brechen, Situationen bewusst zu überhöhen- mit Übertreibungen zu spielen.

Vorrangig in meiner Arbeit bleibt aber das Storytelling und die Suche nach den außergewöhnlichen, besonderen Blickwinkeln – die dabei helfen, den Betrachtern Neues und Spannendes zu vermitteln. Das „Spiel“ ist für mich ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang: Spiel entspannt, trägt Schaffensfreude in sich. Genau das tut der vom Alltag gestressten Seele gut.

CB: Ein perfektes Bild oder ein gelebtes Bild?

PS: Ein perfektes Bild, ohne das gefühlte Glück, oder den „Flow“ wie man heute sagt, im Prozess der Bild-Erstellung kann am Ende inhaltslos und leer sein. In meinen Bildern oder in der Workshop Arbeit mit Teilnehmern geht es daher nicht um die Perfektion in einem Foto. Natürlich ist die Perfektion nicht ausgeschlossen. Sie ist jedoch nicht das Ziel.

Insbesondere als Amateur oder Hobbyfotograf kann sich der Raum für die eigene Kreativität besser entfalten, wenn man ohne Stress und Wettkampfgefühl an die Fotografie herangeht. Die Ergebnisse können dann später mit Freude und Zufriedenheit betrachtete werden und erinnern an den Schaffungsprozess, um den es letztendlich geht. Es geht um die Fotografie als Erlebenswelt und als Mittel der Kommunikation, in der jeder als Individuum ganz eigene Wege wählen darf.

CB: Du fotografierst regelmäßig das Automobilklassiker Treffen Concorso d’Eleganza auf dem Gelände des ikonischen Hotels Villa d’Este am Comer See. Was macht das Fotografieren dieses Events so besonders?

PS: Das gesamte Setting ist einfach herausragend. Außergewöhnliche, manchmal exotische Fahrzeuge reihen sich in der schönsten Kulisse, die man sich denken kann, aneinander. Die Villa rahmt die schönsten Fahrzeuge, während der See diesem Szenario zu Füßen liegt. Es ist ein Mix aus Schönheit, dem faszinierenden Klang der Motoren – und den kleinen menschlichen Eitelkeiten, was das Ganze für mich so spannend macht. Hier zu fotografieren, ist ein Privileg. Zumal ich seit zwei Jahren zum Foto-Team BMW gehöre. Die Anstrengungen sind immer schnell vergessen, wenn ich die Ergebnisse meiner Arbeit sehe und die Erinnerungen daran eine Sehnsucht nach der nächsten Veranstaltung wecken!

villa dEste
© Petra Sagnak – Villa d’Este Concorso d’Eleganza

CB: Der Concorso d’Eleganza Villa d’Este beschreibt seinen Event mit „celebrating the mystique of historic cars“ – Warum sind deiner Ansicht nach historische Autos mystisch und hilft dir das bei der Fotografie?

PS: Hier werden Fahrzeuge aus Garagen geholt, die selten jemand zu Gesicht bekommen hat. Und so finde ich in jedem Jahr Fahrzeuge, die mich berühren. Die Geschichten erzählen. Sei es eine extravagante Innenausstattung, die an ein Interieur eines Schlossen erinnert oder die Formgebung ideenreicher Coachbuilder, die ein Fahrzeug zu einem Unikat machen. Es sind die Geschichten, die man sich vorstellt, die sich in diesen Fahrzeugen abgespielt haben und letztlich auch der Geruch, der in den Wagen so einzigartig ist, wie die Duftnote eines Menschen.

Spuren, die ein Wagen hat, liebe ich übrigens mehr als die zu stark restaurierten Fahrzeuge. Spuren erinnern an Falten im Gesicht von Menschen und erzählen eigene Geschichten. In diesem Jahr hatte ich zum Beispiel eine Wiederbegegnung mit dem Maserati A6G 2000 Gran Sport Berlinetta Frua von 1956, aus dem legendären Scheunenfund der Baillon. Diesen fotografierte ich während der Ausstellung/Auktion in Paris. Ich habe mich extrem gefreut, dass er nicht restauriert wurde (außer, dass man ihn fahrtüchtig gemacht hat)!

Diese Momente erzeuge bei mir dann schon mal eine Gänsehaut. Und genau das beeinflusst meine Fotografie – denn es geht darum, Emotionen wahrzunehmen und diese in die Bilder so einzubauen, dass sie beim Betrachter wiederum Emotionen wecken.

So macht Fotografie für mich Sinn: wenn sie wortlos erzählerisch dicht ist.

CB: Was sind die Herausforderungen beim Fotografieren dieses Events? Was ist dir hier wichtig zu erfassen und mit deinen Bildern auszudrücken?

PS: Die viele Menschen sind manchmal ein Segen – und manchmal ein Fluch. Besonders Kollegen können manchmal eine kleine Herausforderung sein. Es gibt Kollegen, die haben das Talent immer im falschen Moment in deinen Bildausschnitt zu laufen, wo du gerade versuchst, einen spannenden Moment festzuhalten. Das lehrt einen immer wieder, dass Schnelligkeit und Flexibilität absolut wichtig sind. Wenn der richtige Moment da ist, muss man sofort reagieren.

Mir ist es wichtig zu erfassen, wie der Event sich anfühlt. Den Enthusiasmus, aber auch andere Aspekte, zu zeigen. Wenn zwei Menschen verwundert oder irritiert schauen wegen eines verrückt aussehenden Autos, dann versuche ich diesen Moment zu erfassen. Außerdem suche ich nach Aspekten, die den anderen oft vorenthalten bleiben: der kleine Hund vor einem Rolls Royce, dessen Fellfarbe dieselbe ist wie die Farbe des Lackes. Auch Kinder und wie sie diese Welt sehen, erleben und damit spielen. So freue ich mich heute noch darüber, wie vier Kinder in einem über 15 Mio. teuren Ferrari spielen durften! Das sind die Geschenke und Geschichten, die mir Freude bereiten. Daneben erzähle ich gerne grafische Geschichten: die Stellung von verschiedenen Fahrzeugen oder Ausschnitte davon zueinander und zur Umgebung. Ich liebe es, mit Licht und Schatten und verschiedenen Linien und Strukturen zu spielen und die Fahrzeuge einzurahmen.

CB: Bei deiner Fotografie geht es dir viel um Geschichten erzählen, Storytelling. Wie findest, definierst und verfolgst du eine Geschichte während einer aufwendigen Veranstaltung wie dem Concorso d’Eleganza?

PS: Meistens durch Zufall. Ich halte die Augen offen, versuche mich dem Geschehen hinzugeben und schlendere umher. Besonders schön finde ich,  dass BMW mich wegen meines Storytellings gebucht hat. Allerdings musste ich nur aufpassen, nicht ins bloße „abfotografieren“ zu verfallen. Wenn ich in diesem Modus arbeite würde, entgingen mir möglicherweise die aufregenden und spannenden Momente. Daher ist es für mich wichtig, meine Sinne offen zu halten. Wenn ich mich ganz hinein geben kann, meine Sinne angefüllt sind vom Geschehen, dann entstehen meiner Ansicht nach die wirklich spannenden Fotos. Dann begegnen mir Aspekte, die mich gefangen nehmen, die mir quasi zuwinken, ihnen weiter zu folgen. Manchmal zieht mich ein bestimmter Wagen mit seinen Menschen in den Bann. Was auch immer es ist, es ist nicht planbar und ergibt sich in den entsprechenden Augenblicken. Das ist das Besondere beim Fotogarfieren dieser Art von Veranstaltungen.

CB: Was möchtest du Teilnehmern deiner Workshops vermitteln?

PS: Ich möchte ihnen vermitteln, Schätze zu suchen, wie sie sich diesen annähern und mit ihnen eine Art Beziehung eingehen. Das ist für mich die Basis, mit der wir Ausschnitte unserer Umgebung finden, darstellen und dem Betrachter näher bringen können. Das Ergebnis sind Bilder, die der Betrachter auf diese Weise möglicherweise noch nie gesehen hat. Mir ist es ein Anliegen, mehr als lediglich „die richtige Technik“,  um Autos “schön zu fotografieren” zu vermitteln. Emotionen und Sachlichkeit spielen eine Rolle. Emotional, was sehe und fühle ich, was fesselt meine Aufmerksamkeit, was gefällt und was missfällt mir. Auf sachlicher Ebene geht es um Strukturen der Autos, visuelle Bezüge, Licht und Schatten, Kontraste und Spiegelungen.

Ein Workshop bietet die Möglichkeit, dass die Teilnehmer auch voneinander lernen und sich ihre Energien verstärken. Das Team erweitert den Kontext der eigenen Ideen und die der anderen. Die Kreativität des Augenblicks zu erleben kann wohltuend wirken und nachhaltig sein. Wie interpretiere ich jeweilige Situationen, wie machen es die anderen? Welcher Blickwinkel gewährt mir welchen Einblick? Welchen Blickwinkel haben die anderen gefunden?

Wenn unsere Augen sowie unsere Haltung offen sind, dann gelingen uns, mit dem Wissen und der Erfahrung der technischen Umsetzung, ganz besondere Bilder.

Fotos © Petra Sagnak

Petra Sagnak gibt für die IF/Academy einen Workshop zu Classic Car Photography bei den Classic Days in Schloß Dyck in Jüchen (bei Düsseldorf) vom 4.-6. August 2017. Infos hier >>>

Petra wird auch im Rahmen der IF/SummerAcademy an drei Tagen einen Workshop zu Oldtimerfotografie geben, auf dem historischen Weingut Alois Lageder an der Südtiroler Weinstraße: „Stilvoll klassische Formen – Oldtimerfotografie mit Liebe zum Detail”, Infos hier >>>


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