Neapel überfordert die Sinne, sprengt den Koffein-Pegel und füllt die Kamera

Photo © John McDermott – Neapel 2017

Ein paar Tage in Neapel und der Kopf schwirrt von neuen Eindrücken, die Waage zeigt ein paar Kilo mehr und eine Speicherkarte für die Kamera reicht nicht aus.

Neapel ist verrückt. Neapel ist voller Leben. Was für eine Stadt! Sie vibriert wie ein Bienenstock. Menschen, Gassen, Motorroller, Wäsche, Streetfood, Graffiti, Gemüsehändler, Espresso, Heiligenbilder, Maradona-Bilder, Sirenen, Kopfsteinpflaster. Dreieinhalb Tage Neapel-Scouting: Überforderte Sinne. Müde Füße. Überfüllte Kamera.
Street Photography ohne Ende.

Jeder hat heute eine Kamera und fotografiert ständig. Sich selber, seine Freunde, sein Essen. Selfie-Sticks, gefühlte ‚endlose’ Datenspeicher, einfach draufdrücken. Ohne Nachdenken. Wir kennen doch schon alles, was soll ich noch fotografieren? Und jeder um mich herum fotografiert!
Ist Street Photography tot?

“Street Photography” zeigt Spiegelbilder einer Gesellschaft, sie sind uninszenierte Momentaufnahmen des Lebens. Bekommen wir noch mit, was um uns herum geschieht? Sehen wir noch oder schirmen wir uns vor Überstimulation ab? Wenn wir die Ruhe haben, anzuhalten und hinzuschauen: Was sehen wir?
Street Photography ist lebendig.

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Photo © John McDermott 2017

Neapel rüttelt an Deinen Sinnen

Menschenmassen, ständige Sirenen, Gerüche frittierter Spezialitäten und des unglaublichen Espressos, zahlreiche historische Bauten und Kulturdenkmäler (die gesamte Altstadt Neapels ist seit 1995 UNESCO-Weltkulturerbe) und enge Gassen mit Wäsche und Graffiti – all dies wird durch ein Element zusammengehalten: Chaos. Alles ist im ständigen Fluss. Und funktioniert. Motorroller transportieren eine Familie mit Kleinkind und Hund (alle ohne Helm) oder einen Fahrer, der mit einer Hand vier Espressi balanciert (unter einer Kuchentransporthaube). Neapel ist für seinen Espresso berühmt: Ihm wirdnicht nur ein spezieller Geschmack nachgesagt, er prägt durch seinen häufigen Genuss das ganze Stadtbild. Neapel ist eine Stadt lebendiger Gegensätze. Ständig. Überall. Kontraste von Licht und Schatten, Armut und Wohlstand, Möglichkeiten und Hoffnungslosigkeit, Lärm und Stille.

Was für eine Schule der Wahrnehmung!

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Photo © John McDermott 2017

Großer Maradona. Heilige Madonna.

Maradona ist überall in der Stadt. Religion findet sich alle paar Straßenecken. Beides ist heilig in Neapel. Maradona wurde und wird in dieser Stadt, für die er spielte, unendlich verehrt. Abbildungen des weltbekannten Fußballspielers finden sich überall, in Briefmarkengröße, als Poster und Graffiti – bis hin zu einem neun Stockwerke hohen Wandgemälde. Ebenso gibt es in Neapel hunderte Kirchen und zahlreiche Klöster, in den Straßen stehen zahlreiche Vitrinen mit Heiligenbildern. Noch zahlreicher als Kirchen sind allerdings die neapolitanischen Paläste (Palazzi) und Villen, frühere Wohngebäude der Oberschicht, die heute von der gesamten Stadtbevölkerung genutzt werden.

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Photo © Claudia Brose 2017

Menschen beobachten. Menschen ansprechen. Menschen porträtieren.

Neapolitaner sind unglaublich freundlich, hilfsbereit und kommunikationswillig. Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Motorroller-Flicker in seiner 1,50 Meter breiten Miniwerkstatt bastelt, ein Fischhändler die Schalentiere in Plastikschüsseln mit Wasser versorgt und der Zeitungshändler abseits auf einer Bank mit drei Nachbarn diskutiert.

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Photo © John McDermott 2017

„Taking pictures is not just using your camera. It is also about talking to people.“, sagt John McDermott. Der amerikanische Fotograf spricht die Menschen im fließenden Italienisch an, hält ein Schwätzchen mit dem Kioskbesitzer. Dieser erklärt ihm, dass Neapel, im Gegensatz zu Mailand, Venedig oder anderen großen Touristen-Zentren, noch für die Neapolitaner gemacht ist und nicht für Touristen. Danach gibt es ein kurzes Porträt: Kioskbesitzer Francesco eingerahmt von seinen Zeitungen. Ein Passant wartete geduldig, bis er an der Reihe ist und seine Zeitung kaufen kann.

Einfache Dinge des Lebens sehen und festhalten. Das ist Neapel.

Street Photography in Neapel?

“Street photography is, in my opinion, roaming the streets with a camera and photographing the LIFE taking place in the city. Street photography is, for me, mainly about PEOPLE photography in a candid and observational style! It is Cartier-Bresson, Gary Winogrand, Joel Meyerowitz, Lee Friedlander, Dianne Arbus, even Sebastiao Salgado.”, beschreibt John McDermott seine Herangehensweise.

Die Vielfalt an Themen, aus denen ein Fotograf schöpfen kann, um eine Geschichte über Neapel fotografisch zu erzählen, scheint unendlich. Ein chaotischer, freundlicher, konfuser, historischer, lebendiger Ort, der auf Schritt und Tritt die eigene Wahrnehmung trainiert und die Augen für die einfachen Dinge im täglichen Leben öffnet.

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Photo © John McDermott 2017

Lust auf eine fotografische Entdeckungsreise nach Neapel mit dem fließend Italienisch sprechenden amerikanischen Fotografen John McDermott?


Street Photography Napoli (Masterclass in Englisch) ist in Planung für Anfang Mai 2018 (voraussichtlich das zweite Mai-Wochenende).
Bei Interesse bitte melden bei claudia(at)if-academy.net

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2 thoughts on “Neapel überfordert die Sinne, sprengt den Koffein-Pegel und füllt die Kamera

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