Das Jahr der irrigen Annahmen

Wie oft habe ich dieses Jahr gesagt, DAS hätte ich nicht gedacht? So viele Situationen entwickelten sich komplett anders als erwartet. Das passierte so häufig, dass ich im Rückblick auf 2017 zu dem Schluss komme: zukünftig gehe ich vorsichtiger mit Annahmen um.

Anfang des Jahres, anlässlich der Vereidigung des 45. Präsidenten der USA holte mich die Realität wieder ein. DER ist jetzt tatsächlich Präsident. Ich bin nicht die Einzige, die zuvor ziemlich sicher war, das könne nicht geschehen! Ebenso wenig hätte ich gedacht, dass sich eine Mehrheit der Bürger Großbritanniens für einen „Brexit“ ausspricht. Die formelle Austrittserklärung Großbritanniens aus der EU wurde Ende März 2017 eingeleitet.

Auch wenn meine Mutter schon neunzig war, nahmen wir an, dass sie noch mindestens zwei, drei Jahre bei uns sein würde. Sie war gut drauf, gesundheitlich stabil, hatte Spaß. Im Frühjahr wurden wir eines Besseren belehrt. Auch wenn die Lage völlig in Ordnung war, unsere Prognose doch „richtig“ schien, kann das Leben einem böse und endgültige Streiche spielen. Unerwartet. Nicht voraussehbar.

Im Sommer versicherte mir meine Patentante, dass wir noch ausreichend Zeit haben, uns zu sehen. Ich nahm an, dass sie recht hatte, denn es ging ihr im Kampf gegen Krebs erheblich besser und ein Besuch schien keine Eile zu haben. Wir haben letztlich noch einmal ein paar Tage zusammen verbracht. Aber es war das letzte Mal. Unsere Annahme war falsch.

Nehme ich noch an, oder weiß ich schon?

Manchmal basieren unsere Annahmen auf Hoffnungen. Andere Male auf unvollständigen Informationen. Oder wir greifen auf vorhandenes Wissen und unsere Erfahrungen zurück und formen daraus Einschätzungen. Oft ist das eine subjektive Betrachtungsweise. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, beeinflusst unser Denken und wir glauben oft, dass die Annahme ein Faktum ist.

Wir alle treffen ständig Prognosen, vermuten, ziehen Schlussfolgerungen, die nicht leicht zu durchschauen sind, weil sie von subjektiven Beobachtungen und Wahrnehmungen angetrieben werden. Selbst die besten Unternehmen schaffen es nicht, Annahmen ganz auszusieben.

“How do you know if you don’t LOOK? If you don’t look, you hurt people. And that is not fair”, sind die Worte des Psychiaters Dr. Daniel Amen. Er beschreibt in seiner Rede, was er aus 83.000 Gehirnscans gelernt hat. Es ist für ihn fatal, dass viele medizinische Disziplinen mit Scans und Bildern arbeiten, in der Psychologie aber vornehmlich mit Vermutungen: Keiner schaut sich das Gehirn tatsächlich an.

Das Problem ist nicht, dass wir Annahmen treffen, sondern dass sie (ob privat, in der Politik oder Wirtschaft) oft falsch sind. Nicht immer verfügt man über ausreichende oder gar vollständige Informationen oder ausschließlich korrekte Fakten. Ebenso wenig gelingt es, Subjektivität auszublenden. Wir können auch nicht Unvorhersehbares vorhersehbar machen. Mangelnde Kommunikation, Fehlinterpretationen, verzerrte Wahrnehmung beeinflussen unsere Annahmen. Aber wir können uns der falschen Einschätzungen bewusst werden und gegensteuern.

Glaubenssystem und Gewohnheiten unterfüttern unsere Annahmen

Auch wenn ich kein Fußball-Mensch bin, hätte ich nie gedacht, dass die italienische Nationalmannschaft nicht bei der WM 2018 mitspielen wird. Eine Fußballweltmeisterschaft ohne Italien? Das kann ich nicht glauben. Ich nehme an, ich habe mich verhört.

Die deutschen Bürger sind wütend und unzufrieden, vieles läuft nicht rund in der Politik und der Europäischen Union. Im Herbst ging ich dennoch davon aus, dass die Wähler dem Rechtspopulismus keine Chance geben würden! Wir haben doch aus der Geschichte gelernt, nicht wahr? WER hat es weit über die fünf Prozenthürde in den Bundestag geschafft? WORAUF basierte meine Einschätzung?

Was haben Annahmen mit der Fotografie zu tun?

Annahmen gehen unter anderem zurück auf unser Glaubenssystem, auf oberflächliche Beobachtungen, subjektive Wahrnehmung und begrenzte Perspektiven. Natürlich können wir das Zusammenspiel aus Blickwinkeln, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung trainieren. Das hilft uns, Fakten und Fiktion besser zu unterscheiden, objektiver zu urteilen und effektiver zu kommunizieren. Amy Herman (Autor des Buches Visual Intelligence) trainiert mit großem Erfolg Polizei-Departments, den CIA, Unternehmen und Chirurgen darin, konzentrierter zu beobachten, ihre Wahrnehmungen zu schärfen und präziser zu kommunizieren – indem sie die Personen Kunst betrachten und beschreiben lässt.

Auch durch Fotografie schärfen wir unsere Wahrnehmung und erweitern unser Sichtfeld. Wer fotografiert, öffnet sich und ist neugierig. Wir schauen genauer hin, suchen nach anderen Perspektiven, vergleichen, finden Details und sammeln Informationen. Wir stellen uns selbst in Frage und stellen Fragen: wertvolle Zutaten, die unsere Fotografie, Wahrnehmung und damit unseren Umgang mit Annahmen verbessern.

Wie oft sagen wir „Das nehme ich doch mal an!“, „Davon gehe ich wohl aus!“ Ach ja? Zukünftig halte ich lieber einen Moment an, überlege, wäge ab. Genau wie beim Fotografieren. Und sage mir: Pass auf mit falschen Einschätzungen! Nicht annehmen! In Frage stellen! Meine Wahrnehmung schärfen. Mehr Informationen und Betrachtungsweisen einbeziehen. Den Moment schätzen und bewusst im Jetzt leben, denn es lässt sich nicht immer alles vorausahnen. Ich nehme an, das werde ich 2018 umsetzen.

Ich wünsche ein besinnliches Jahresende und dass Sie sich ein wenig Zeit gönnen zum Nachdenken und Entschleunigen.

Herzlichst,

Claudia Brose

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s