Was passiert hinter der Kamera in Havanna?

Kuba Fotoworkshop im März 2018 mit Rüdiger Schrader: Visuell. Denken. Fühlen.

Wie SEHE ich Kuba? Wie fotografiere ich Kuba? Wie nehme ich Kuba wahr? Mit diesen Fragen konfrontiert Rüdiger Schrader, Coach, Fotograf und Fotochef die Teilnehmer des Workshops Kuba–Visuell. Denken. Fühlen Anfang März in Kuba. „Fotografieren kann jeder. Aber sehen lernen, dauert ein wenig“, so Schrader. Die großen Fotografen können visuell denken, haben eine klare Vorstellung, Grundlage und Voraus-Planung wenn sie fotografieren, erklärt er. Sie sind sich bewusst, was zunächst hinter der Kamera geschieht.

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Photo © Anne Werhahn | IF/Academy Workshop Cuba 2018

„….bevor es sich verändert!“

Die malerischen Szenen und Momente längst vergangener Zeiten sind es, die die Reisenden und Fotografen suchen, wenn sie nach Kuba kommen. Das ist die Perspektive von Besuchern, von nicht-Kubanern. Wie empfinden Einheimische diese Betrachtungsweise? Die Kubanische Kunsthistorikerin Iliana Cepero, die eine Fotoausstellung kubanischer Fotografen im bekannten New Yorker International Center of Photography (ICP) betreute, hat eine andere Sichtweise. Sie kann sich nicht damit identifizieren, wenn Besucher „Szenen von Havanna festhalten möchten, bevor sich Kuba verändert.“ Die Städte Kubas mögen malerisch sein, aber Kubaner wünschen sich auch Fortschritt und Kuba ist „nicht in Bernstein konserviert“.

Abendgespräche und Fotografie- und Filmvorträge von einem deutschen Fotografen und einem Filmproduzenten, die auf Kuba leben, helfen uns, Blick und Perspektiven auf Kuba und Havanna zu erweitern. Insiderinformationen, Bilder, vorgefasste Meinungen und neue Einsichten drängen sich auf, wenn wir versuchen, Havanna mit unseren Augen wahrzunehmen und einzuordnen. Können wir unseren Kopf frei machen und das Bauchgefühl sprechen lassen, bei der Suche nach unseren Kuba Bildern?

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Photo © Felix Wolf | IF/Academy Workshop Cuba 2018

Wie nehmen wir Kuba wahr?

Wie sehen wir also Kuba? Was erwarten wir von uns selbst? Unser Kopf ist voll mit dem, was wir über Kuba und über uns selbst denken, wie Zweifel und positive oder negative Selbsteinschätzung. Aber ein voller Geist ist unfähig, Neues aufzunehmen und zieht uns eher vorbelastet in eine Richtung.

Ein Teilnehmer beschreibt, seine fotografische Herangehensweise sei sehr von seinem Beruf als Architekt geprägt und er würde das gerne aufbrechen. Eine Teilenehmerin möchte ihre Tendenz beiseite schieben „Postkarten-Fotografien“ zu machen, die sie oft von beruflicher Seite aus produzieren muss. Alles was wir oft machen, wird zur Gewohnheit. Wollen wir dann etwas anders machen, erfordert das eine unheimliche Anstrengung. Schafft sie es, Standardmotive und neue Wahrnehmungen in ihrem Kopf zu trennen? Ihren Blickwinkel zu verändern? Schafft er es, „gewohnte“ Sehweisen auszublenden?

Jeder muss für sich einen Weg finden, „sein“ Kuba zu erfassen, wie er es wahrnimmt und empfindet. Rüdiger Schrader gibt den Teilnehmern Prinzipien des Visuellen Denkens an die Hand, mit denen sie sich Kuba fotografisch nähern. Tägliche Gedankenarbeit, Bildergebnisse betrachten und intensives fotografieren bestimmen die Zeit in Havanna. Das wichtigste ist zunächst, den Blick zu schulen.

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Photo © Miriam Mayer | IF/Academy Workshop Cuba 2018

Wie begegnen wir Kuba?

Wie wir Bilder in uns aufnehmen, wie wir ihnen begegnen, hat damit zu tun, wie gut wir uns selbst kennen. Wie nehme ich Eindrücke war, wie sortiere ich und wie offen bin ich? Havanna überwältigt mit Stimulationen und Eindrücken. Einige Teilnehmer sammeln zunächst alle Eindrücke, halten diese fest und sortieren hinterher aus. Auf diese Weise nähern sie sich ihrem Thema, auf das sie sich letztendlich konzentrieren wollen. Für andere sind die vielen Impressionen so überwältigend, dass sie einige Bilder und Szenen außer Acht lassen und sich erst einmal auf weniges konzentrieren. Später addieren sie die weiteren Eindrücke wieder dazu und lassen das Gesamtbild wachsen.

Wir üben uns darin, den Blick zu schulen. Das Bauchgefühl ist wichtig. „Zum Sehen können, gehört Fühlen.“, erklärt Rüdiger Schrader. Wenn wir durch Havanna gehen müssen wir das, was uns im Bauch trifft wahrnehmen und verfolgen. „Du musst die Bilder fühlen, die du machst. Sonst bilden wir nur ab.“

Er beobachtet, dass Teilnehmer die Tendenz haben, „ihrer Kamera hinterherzulaufen.“ Für sich ein Thema, eine Absicht zu definieren, um gezielt zu fotografieren und einen Kompass an der Hand zu haben ist nicht einfach. Ein Thema ist jedoch die beste Orientierungshilfe, wenn wir mit der Kamera die Straßen Havannas erobern. Durch die tägliche Theorie und gedankliche Schulung führt Rüdiger Schrader die Teilnehmer näher an ihr Thema heran.

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Photo © Miriam Mayer | IF/Academy Workshop Cuba 2018

Meine eigene Handschrift?

Wie visualisiere ich Havanna? Wo siehst du dich in deinen Bildern? Erkennen wir eine Handschrift in den Bildern? Heute fotografieren so viele Menschen, dass es wenig hilft, „lauter“ zu sein, als die anderen. Aber eine eigene Handschrift macht den Fotografen und seine Bilder unterscheidbar und erkennbar.

Mit einer klaren, inneren Haltung und der Entscheidung für einen Stil, den du bei der Erstellung einer Bilderserie beibehältst, läufst du nicht mehr der Kamera hinterher. Du hast eine eigene Stimme und die Kamera folgt ihr.

Feedback und Austausch

Feedback ist die nachhaltigste Lernkategorie, die wir haben. Täglich zeigen die Teilnehmer eine Auswahl ihrer am Vortag entstandenen Bilder. So wie die Künstler früher sich ihre Malereien untereinander zeigten, um sich zu verbessern und Ideen zu sammeln, betrachten und diskutieren die Teilnehmer ihre Bilder, die jeder in einer kurzen Präsentation vorbereitet. So werden wir uns anderer Sichtweisen und neuer Blickwinkel bewusst, die wiederum bei der eigenen Arbeit weiterhelfen.

Warum hast du dieses Bild gemacht? Hast du dein Thema finden und definieren können? Hast du das Gefühl, du bist am Motiv dran geblieben? Fragen, die jeden Teilnehmer anregen, seinen Fortschritt unter der Begleitung von Rüdiger Schrader zu überprüfen und nicht mit negativen Selbstzweifeln das Fortkommen zu blockieren. Auf positive Ergebnisse schauen und vorwärts gehen fördert das fotografische Selbstbewusstsein.

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Photo © Felix Wolf | IF/Academy Workshop Cuba 2018

Das Puzzlestück nimmt Gestalt an

Was ist meine Sichtweise auf Kuba? Habe ich meinen Weg, meinen Stil gefunden und mein Gefühl für Kuba durch meine Fotos transportieren können? Bin ich zufrieden mit meinen Bildern?

Bildpräsentationen nach vielen Tagen intensiver Arbeit resultieren in ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf „Mein Kuba“. Es gibt liebevolle Blicke auf Havanna, klar strukturierte oder auch solche, die die harte aktuelle Gegenwart zeigen. Es gibt Sichtweisen, die sich wie eine „Leichtigkeit des Seins“ anfühlen oder Blickwinkel, die die Kontraste von Zerfall und bunter Fröhlichkeit gegenüberstellen. Die vielen visuellen Stimulationen werden auch mal durch eine Klammer mit dem übergreifenden Titel „Havanna Superstars“ zusammengefügt.

Wir erkennen Handschriften. Wir können Bild durch ihren Stil einem Teilnehmer zuordnen. Wir haben das Ringen und Kämpfen jedes Einzelnen mitbekommen und am Ende erleben wir finale Präsentationen, die bei jedem die Gefühle hervorrufen: Die Puzzlestücke haben letztendlich Gestalt angenommen! Wir können eine Entwicklung erkennen. Und es trifft mich im Bauch.

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© Claudia Brose | IF/Academy Havanna März 2018

Welche Geschichten nehmen wir mit?

Ein Teilnehmer beschreibt ganz passend: Ich nehme für mich die Geschichten von Menschen mit, die ich anspreche und mit denen ich mich unterhalte, um sie vielleicht zu fotografieren. Diese Begegnungen und Geschichten sind die Bereicherungen, die ich mit nach Hause nehme.

Am Ende des Fotoworkshops möchten wir uns selbst die Frage beantworten können: Welches Foto wollte ich machen? Was passierte hinter der Kamera mit mir? Hat mich Havanna im Kopf und Bauch getroffen und habe ich das in meiner Fotografie umsetzen können? Kann ich sagen: Ja, ich war auf Kuba, weil ich {…} dieses Foto machen wollte?

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Photo © Anne Werhahn | IF/Academy Workshop Cuba 2018
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