Warum sind introvertierte Menschen im Vorteil wenn es um Aufmerksamkeit geht?

Text Claudia Brose | Photo © John McDermott

Mentale Stärke und innere Ruhe werden heute nicht mehr nur als vorteilhafte Eigenschaften für Erfolg und Leistung betrachtet, sondern werden aktiv und bewusst verfolgt und als Ressource angesehen, die es zu entwickeln und pflegen gilt. Wie können wir dabei vorgehen? Gibt es Ressourcen in uns, auf die wir zurückgreifen können?

In einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, wird das Verlangen immer stärker, mal einen Gang runter zu schalten, sich Zeit zu nehmen und zu einem bewussteren Umgang mit sich selbst zurückzukehren. Aufmerksamer zu sein. Unsere permanente Interaktion mit bruchstückhaften und kurzweiligen Informationen sind nicht nur ein Nachteil für unsere Konzentration, Kreativität, Produktivität und persönliche Sicherheit, sondern sie schaden auch unserer Intelligenz und unserem Wohlbefinden. Ständige Ablenkungen haben einen negativen Einfluss auf die Funktionsweise unseres Gehirns.

In Zeiten der Informationsüberflutung und der beschleunigten Entwicklung neuer Technologien werden vor allem vier Fähigkeiten erfolgsentscheidend: Ruhe bewahren, Fokus setzen, Kreativität pflegen, Emotionale Intelligenz fördern“, schreibt Lilian N. Güntsche für das Zukunftsinstitut in Frankfurt.

Hier kommt Anhängern der Fotografie ihre Leidenschaft zugute. Das Fotografieren ist ein Werkzeug, das uns trainiert, zur Ruhe zu kommen und zu fokussieren.

Introvertiert und Extrovertiert

Je nach Persönlichkeitsstruktur gehen Menschen unterschiedlich mit dem „zu viel Lärm und Input“ um. In der Forschung zur Persönlichkeitspsychologie ist heutzutage die Betrachtung von introvertierten und extrovertierten Personen (Introversion und Extraversion) eines der am gründlichsten erforschten Themen. Die Begriffe gehen zurück auf Carl G. Jung und seiner in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen Typologie zu Persönlichkeitsmodellen. Sich dieser beiden Persönlichkeitstypen bewusst zu sein hilft, sowohl unsere eigenen Reaktionen als auch die unseres Gegenübers in Stresssituationen besser einzuschätzen. Dieses Wissen hilft uns bei der Auseinandersetzung mit mentaler Stärke, Aufmerksamkeit und innerer Ruhe.

Kannst du die Charakteristika extrovertierter und introvertierter Menschen richtig beschreiben? Viele Menschen sind auch nicht „entweder“ das eine, „oder“ das andere. Oft werden bestimmte Verhaltensweisen vorschnell dem einen oder dem anderen Typus zugeordnet. Extrovertierte Menschen sind Stimmungsmacher, bestimmend, dominant und haben das dringende Bedürfnis in Gesellschaft zu sein. Sie denken laut, reden viel, hören weniger zu, haben weniger Problem mit Auseinandersetzungen und mehr Probleme mit dem Alleinsein. Sie ziehen ihre Energie aus Gruppendynamik und Reizüberflutungen. Introvertierte Menschen hingegen haben starke soziale Fähigkeiten, mögen auch Partys oder können vor 500 Menschen reden, möchten sich danach aber zurückziehen, um ihre Energien wieder aufzuladen. Dem anonymen Netzwerken oder Gruppengesprächen ziehen sie die Gesellschaft enger Freunde vor. Sie reden weniger, hören mehr zu, denken zuerst nach, bevor sie reden und drücken sich oft besser aus in Schrift als in Konversation. Introvertierte Menschen bevorzugen ein Umfeld, das nicht von Reizüberflutungen brummt und ziehen ihre Energie aus dem Alleinsein.

Introversion und Wahrnehmung

Introvertierte haben also einen Vorteil, wenn es darum geht, sich mehr Zeit für sich selbst zu „stehlen“, um Gespräche, Einflüsse, Gesehenes und Informationen zunächst zu verarbeiten, bevor es an die nächsten Schritte geht. Das ist auch ein Vorteil beim Fotografieren, wo es darum geht, sein Umfeld genau zu betrachten, um dann eine fotografische Interpretation zu produzieren. Und wenn du dich eher als extrovertierten Typen einstufen würdest, bietet das Fotografieren hier ein gutes Mittel, sich darin zu üben, alleine mit der Kamera loszuziehen und das Geschehen um dich herum bewusst wahrzunehmen und zu betrachten und es mit der Kamera festzuhalten.

Vernetzung, permanenter Austausch und Informationsfluss beschleunigen zwar unsere Gesellschaft und bringen viele Vorteile, doch immer mehr Menschen wird das “always on” zu viel. Die Fähigkeit, sich in einem überstimulierten, lauten Umfeld zurückzuziehen und sich weniger darum zu scheren, ein Teil des geschäftigen Treibens zu sein fällt introvertierten Menschen sehr viel leichter als extrovertierten. Für Introvertierte sind Umgebungen mit einem Übermaß an Reizen Energie-Diebe, die vom Denken, Arbeiten und Fokussieren ablenken.

Wenn wir uns um unsere Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne als Vorteil für effizienteres Arbeiten, effektivere Kommunikation oder Kreativität kümmern möchten, dann haben Introvertierte einen Vorteil. Sie können sich auf ihre natürliche Neigung besinnen, sich Zeit nehmen zu wollen, um aufzutanken, die Gedanken zu sortieren, zu analysieren und Ideen zu entwickeln. Diese downtime fühlt sich produktiv für Introvertierte und langweilig für Extrovertierte an. Wer sich Zeit zum Nachdenken nimmt, klärt seine Gedanken und bereitet sich die Möglichkeit, sein Umfeld genauer zu verstehen und entsprechend zu agieren.

Nichts hat so viel Macht, deinen Geist zu erweitern, wie die Fähigkeit systematisch und wahrhaft alles zu untersuchen, was du im Leben beobachtest.“ Marcus Aurelius

Big Picture und Details

Introvertierte Menschen denken eher in Ideen und „big picture“ als in Fakten und Details. Untersuchungen haben gezeigt, dass Introvertierte, im Gegensatz zu extrovertierten Menschen, eine erhöhte Gehirnaktivität demonstrieren wenn es darum geht, visuelle Informationen zu verarbeiten. Bei Reizüberforderung haben sie oft ein scharfes Auge für Details. Ihnen fallen Dinge, Kleinigkeiten und Zusammenhänge auf, die anderen entgehen. Nehmen wir diese Details wahr, im Verhalten von anderen Menschen, bei der Beschreibung von Situationen oder in unserem Körper, dann können wir ein Gespräch entsprechend lenken, eine Sachlage besser beurteilen oder eine Krankheit besser vorbeugen.

In der Fotografie möchten wir in der Lage sein, Details wahrzunehmen, Situationen frühzeitig zu erkennen (insbesondere bei der Sportfotografie, Street Photography, Tierfotografie) und Besonderheiten bewusst zu sehen, um durch unsere Bilder Momente des Lebens zu erfassen, die sonst verloren gehen oder die berühren und inspirieren.

Der Reizüberflutung entziehen, der Wahrnehmung Raum geben

In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen, unsere mentale Stärke und innere Ruhe zu entwickeln und uns auf sie zu berufen. Wenn wir es schaffen, mit Gelassenheit Abstand zu gewinnen und unsere Gedanken zu beherrschen, können wir unser Leben selbst bestimmen. Das gilt sowohl für Introvertierte als auch Extrovertierte, wobei introvertierte Menschen bereits dazu neigen, sich dem verrückten Chaos zu entziehen.

Und die Fotografie? Fotografieren ist ein Mittel, deine Aufmerksamkeit zu kontrollieren und zu lenken. Eine Kamera lässt sich umhängen, in die Tasche stecken und mitnehmen. Die Kamera verlangt nur von dir, dass du dein Umfeld wahrnimmst und sie auf etwas richtest, das du bewusst siehst, entdeckst und beobachtest, was sie dann für dich festhalten darf. In dem Moment, den du für richtig hältst und ihr mit dem Auslöser ein Signal gibst.


 

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Claudia Brose ist Co-Founder und Inhaber der IF/Academy

Sie beschäftigt sich mit dem Thema: Wie können wir unsere Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung in einer Welt der Überforderung und Reizüberflutung trainieren?

 

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