Rohstoff Zeit. Wir alle brauchen ihn.

Text Claudia Brose
Photo © Matthias Merz | bei IF/Academy Dolomitenfotowanderung

Rohstoff Zeit.  Wir alle brauchen ihn.

„Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ Dieser Satz kommt von Momo (Kap. 6, S. 72). Die meisten erinnern sich wahrscheinlich noch an Michael Endes berühmtes Buch „Momo“, das uns vor Augen führt, was „Zeit“ eigentlich ist und wie ängstlich, verschwenderisch und geizig wir Menschen mit dem Rohstoff Zeit umgehen.

Qualität braucht Zeit. Aber wer will heute schon Qualität? Lebensqualität, Bildqualität, Qualität in Beziehungen, ob persönliche oder geschäftliche, Qualität beim Essen, Luftqualität – wer braucht das? Dafür haben wir keine Zeit. Es muss schneller gehen und da bleibt Qualität auf der Strecke. Wir müssen Nichts für die Ewigkeit bauen, produzieren, erhalten, pflegen oder langfristig denken. Wo kämen wir denn dahin?

Der Fotograf Kurt Moser kreiert Fotos für die Ewigkeit. Sie halten mehrere Hundert Jahre. Er macht EIN Foto alle drei Tage. Und das jeweilige Foto ist einzigartig, nicht reproduzierbar. Jedes Foto ein Unikat. Die Fotos entstehen mit der alten Fototechnik Ambrotypie auf schwarzen Glasplatten in einem aufwendigen Verfahren. Am Ende hast du ein Foto, das „du anfassen kannst, du kannst es fühlen, und es bleibt uns für mehrere Hundert Jahre erhalten“, beschreibt der Fotograf und ehemalige, weltweit arbeitende Kameramann Kurt Moser aus Südtirol. Ihm geht es darum “ein Seherlebnis zu schaffen. Geschichten ihrer Flüchtigkeit zu entreißen, die Zeit einzufangen, Licht in Kunstwerke zu verwandeln und sie real erscheinen zu lassen, ewig und unsterblich.“

Zeit, loszulassen.

In einem Gespräch mit Kurt über den Effekt, den Fotografieren auf uns haben kann, erzählte er mir, was er vor einigen Tagen erlebte: Kurt hatte eine Projektbesprechung mit einem Kunden, der hektisch und ungeduldig durch das Gespräch hetzte. Anstatt die Besprechung fortzuführen nahm Kurt den Kunden mit in die Berge, damit er live miterleben konnte, wie er mit seiner zwei Meter großen historischen Kamera die Dolomiten fotografiert. Einen Tag in den Dolomiten, in der Natur zu verbringen und den extrem langsamen Prozess mitzuerleben, ein Bild mit der historischen Kamera zu produzieren, hat den Kunden völlig runtergeholt. Die Fortsetzung der Projektbesprechung verlief viel entspannter und ging mehr in die Tiefe. Mit mehr Geduld.

Zeit, Geduld zu haben.

Geduld wird in diesen Zeiten unterschätzt. „Es geht darum, dass wir uns der langfristigen Problemlösung, dem konzentrierten, gründlichen Nachdenken zuwenden müssen“, erklärt Philosoph Peter Heintel (in brandeins). Das geht mit Geduld. Er gründetet einst den „Verein zur Verzögerung der Zeit“, nicht um zu entschleunigen, sondern um die Konzentration fürs Wesentliche zu fördern. Geduld führt zum Ziel und gehört zur Entwicklung dazu. Etwas zu dulden führt auf mehr Wissen zurück, mehr Informationen über eine Person, eine Situation und die Zusammenhänge. Mehr Austausch unter den Menschen ist da sicherlich hilfreich. Auch beim Fotografieren zahlt sich Geduld und der Austausch mit anderen aus. Andere Meinungen, Blickwinkel, Sichtweisen auf Bilder verbessern die eigene Fotografie. Immer wieder probieren, unnötiges weglassen, andere Herangehensweisen versuchen und geduldig die neuen Erkenntnisse einbauen und umsetzen. Dann werden die Fotos stetig besser.

Zeit, stillzusitzen.

Wenn Kurt Moser mit seiner alten Fotografiermethode ein Portrait einer Person macht, braucht es mehrere Stunden, um alles einzustellen. Das ist viel Zeit, möglichst bewegungslos zu sitzen, in eine riesige Kamera zu starren und von starkem Licht angestrahlt zu werden. Und es ist viel Zeit, um sich mit der Person, die sich kaum bewegen darf, unterhalten zu können und sie kennenzulernen. Das verändert die Person, beschreibt Kurt. Und die Maske fällt. Das wahre Wesen kommt zum Ausdruck. Genau in diesem Moment macht Kurt das Bild. Die Reaktion der fotografierten Person auf das Porträt ist meistens Erstaunen, „ihrem wahren selbst“ in dem auf schwarzer Glasplatte verewigtem Foto zu begegnen.

„Hier und jetzt, während dein Herz schlägt, stehst du mit der Zeit in Tuchfühlung. Ihr Eigenschaften hängen ganz davon ab, wie du sie verbringst. Jeder hat erlebt, wie er von seiner Lieblingstätigkeit gefangen genommen wird. Mit frischem Geist und voller Leben ist er dabei. Dann flieht die Zeit.“ (Soiku Shigematsu, „Momo erzählt Zen“).

Leidenschaftliche Fotografen können sich in ihrer Fotografie verlieren. Zeit wird bedeutungslos und fühlt sich voll und erfüllt an. Als ob wir Zeit gewonnen hätten. Das ist doch ein wunderbarer Anreiz, sich mehr Zeit für seine Fotografie zu gönnen.

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Claudia Brose ist Co-Founder und Inhaber der IF/Academy InspirationFotografie. http://www.if-academy.net

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