Was ist ein Vorbild? Brauchen wir so was heute noch?

Text Claudia Brose | Photo by Zhen Hu on Unsplash

Brauchen wir Vorbilder? Brauchen wir Vorbilder in der Fotografie?

Vor kurzem haben wir uns mit einem jungen, amerikanischen Designer unterhalten, der in Los Angeles Design studierte und nun seit vielen Jahren in Startups im Design tätig ist, mittlerweile in Berlin. Es kam die Frage auf, wer seine Vorbilder im Designbereich (Grafik, Branding, Produkt, Architektur) sind? Er hätte nicht wirklich welche, da er versucht, seinen eigenen Stil zu formen und sich nicht von anderen, auch wenn es große Designer sind, beeinflussen zu lassen. Interessant. Das regte die Überlegung an, was Vorbilder leisten können und ob wir sie brauchen oder nicht?

Brauchen leidenschaftliche Fotografen, die ihre Fotografie vorantreiben wollen Vorbilder oder ist man ohne kreativer? Die gleiche Frage gilt auch für alle anderen Lebens- und Arbeitsbereiche – haben oder brauchen wir dort Vorbilder, Helden, Role-Models? Es gibt eigentlich wenige Lebens- und Arbeitsbereiche, wo nicht „Vorbilder“ erwähnt werden, wenn über die Sebst-Entwicklung, Weiterentwicklung, Ziele und Visionen gesprochen wird.

People seldom improve when they have no other role model but themselves to copy”, schreibt der irische Romanautor Oliver Goldsmith im 18. Jahrhundert.

Orientierung und Halt

Vorbilder inspirieren und motivieren uns. Bei unseren Aspirationen, Bestrebungen und Visionen bieten sie uns Orientierung und Halt oder dienen uns als Basis für Entscheidungen und Aktionen. Es geht darum, sich mit dem Verhalten und den Ideen von Menschen auseinanderzusetzen, die den Weg, den wir anstreben schon „erfolgreich“ gegangen sind und uns um viele Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse voraus sind. Vorbilder geben uns eine andere Sichtweise auf Herausforderungen. Sie sind die Probleme und Fehler durchlaufen, mit denen wir uns konfrontiert sehen und wir können von ihren Lösungen lernen. Wir finden Züge und Charakteristika heraus, die diese Menschen zu ihrem Erfolg gebracht haben und können diese auf uns selbst anwenden.

Wir wollen besser werden, großartig sein in dem Bereich, der uns wichtig ist, für den wir brennen. Somit folgen wir denen, die wir in dem entsprechenden Metier genial finden. Vorbilder können Personen aus der Vergangenheit oder Gegenwart sein. Sie inspirieren uns beruflich, persönlich oder eben auch fotografisch.

Vorbilder in der Fotografie

In der Fotografie hilft uns das „Studium“ herausragender Fotografen unser Denken in Bildern zu fördern, fotografische Möglichkeiten zu entdecken, Grenzen der Fotografie zu sprengen, unendlich viele Ideen zu sammeln und Lösungen für Probleme zu finden. Wir müssen nicht bei Null anfangen, wir können uns an anderen orientieren und deren Ideen und Lösungen in unsere Arbeit einfließen lassen.

 „It’s not where you take things from – it’s where you take them to.” – Jean-Luc Godard

Wie entsteht ein Fundus an Ideen und Anregungen? Wie schulen wir unsere Augen in der Fotografie? Rüdiger Schrader, Fotograf, Fotochef und Coach für Visuelles Denken, auch als Referent bei der IF/Academy, sieht im Studium und der Lektüre der „großen“ Fotografen die Möglichkeit, „seine optischen Kenntnisse“ zu erweitern. Fotografen benutzen die „Erfahrungen und Erkenntnisse der großen Fotografen-Vorbilder als Fundus, aus dem sie ihre Bilder schöpfen können.“ Er ist davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit Fotografie, Filmen und ihrer Bildsprache das Sehen feilt und das visuelle Gedächtnis schult. Dieses Aufsaugen von Bildern „leistet am Ende wertvolle Dienste als Steinbruch des fotografischen Repertoires. Das ist nicht nur legitim sondern absolut notwendig“, so Schrader.

Auch Große Fotografen haben Vorbilder

Wenn die bekannte Fotografin Annie Leibovitz, die selbst ein großes Vorbild in der Fotografiewelt ist, in einem Interview nach ihren Fotografie-Vorbildern gefragt wurde, sagt sie: „The first photographers I admired were Henri Cartier-Bresson and Robert Frank.“ Sie erinnert sich daran, wie sie während ihrer Studienzeit am Art Institute in San Francisco deren Bilder betrachtete und ihr bewusst wurde, was es heißt, ein Fotograf zu sein. „The camera gave you a license to go out in the world with a purpose.” Über die Jahre hat sie sich dann viel mit Richard Avedon, Irving Penn, Helmut Newton und Diane Arbus auseinandergesetzt und von ihnen gelernt. Und zur Frage nach ihrem absolut größten Vorbild sagt sie in dem Interview mit dem Magazin Rolling Stone: „Maybe Avedon. His studio work is especially brilliant. He has such a great understanding of the psychology of the portrait. He was a master of that territory.”

Der amerikanische Fotograf John McDermott, ursprünglich aus San Francisco, der auch bei der IF/Academy als Referent mitwirkt, beruft sich auf einige Fotografen, die ihn inspiriert haben und von denen er gelernt hat. Er hat viele der großen Fotografen und ihre Bücher “studiert” und einige der Fotografen wurden zu seinen Vorbildern, da sie ihn inspirierten und halfen, seine Fotografie über die Jahre zu formen. Dazu gehören Henri Cartier-Bresson (der natürlich für viele Fotografen eine Inspiration ist), Jay Maisel, sowie Arnold Newman, Ernst Haas oder Gianni Berengo Gardin. Dazu gehören auch Filme, um zu verstehen, wie dort Licht eingesetzt wird. Zum Beispiel ist McDermott von Filmdirektor Stanley Kubrick fasziniert, wie dieser mit wenig Licht Szenen komponiert.

Der berühmte deutsche Fashion Fotograf Peter Lindbergh (geboren als Peter Brodbeck) hat eine andere Einstellung und sagt, dass er sich keine Inspiration bei anderen Fotografen holt. Dies hätte ihm geholfen, seine eigenen Bilder zu finden und zu formen. Das ist sicherlich auch ein Standpunkt. Du willst deine eigene Stimme, Stil und Kreativität finden und dich nicht von anderen beeinflussen lassen? Lindbergh hätte sich bewusst keine Fashion Shows und Modemagazine angeschaut, um sich nicht von gängigen Mode Trends und Fashion Shootings beeinflussen zu lassen in seiner Fotografie, mit der er Ende der 80er Jahre eine neue Richtung der Fashion Fotografie anstieß.

Das Beste kommt noch

Vorbilder können auch Hoffnung und Anreiz für die Zukunft geben. Steve Simon, Fotograf, Autor von “The Passionate Photographer” und Co-Founder von PhotoEducate schreibt, dass ihm das Älterwerden als Fotograf insofern keine Angst macht, da er der Ansicht ist, dass das Beste noch kommen wird. Er legt es daran fest, dass er sich bei seinen Vorbildern und Helden in der Fotografie umschaut, wie Eugene Richards, Joseph Koudelka and Jay Maisel, die im Alter von 60, 70 und 80 Jahren auf ihrer fotografischen Höhe sind. „We photographers live long lives because we have a lot of photographs yet to take“, findet Steve Simon.

Du suchst nach Inspirationen, Hilfestellungen und Orientierung? Schau dich um nach den Personen, die du bewunderst. Gute Vorbilder im Leben zu haben hilft, seine Stärken und besten Seiten an sich zu entdecken und zu entwickeln. Das gilt für die Fotografie, für den Beruf und für persönliche Ambitionen.

Wen bewunderst du oder welche Vorbilder hast du und warum? In der Fotografie? Für dein tägliches Leben? Bei deiner Arbeit?


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Claudia Brose ist Co-Founder und Inhaber der IF/Academy InspirationFotografie. https://www.if-academy.net

Sie beschäftigt sich mit dem Thema: Wie können wir unsere Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung in einer Welt der Überforderung und Reizüberflutung trainieren?

Capture Your Moment. – Für mehr Wachsamkeit im Leben.

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