Wofür war noch mal der hektische Lebensstil gut?

Text Claudia Brose | Photo © Claudia Brose

Ein Plädoyer für weniger Hektik und mehr Gelassenheit.

Der heutige hektische Lebensstil verlangt von uns, permanent und überall „on“ zu sein. Damit befinden wir uns in einem ständigen Zustand innerer Unruhe und Überlastung. Wir haben Probleme, einer Sache wirklich unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Wenn jemand richtig hektisch ist und verkündet: „Mensch, ich bin so „busy“, ich habe echt keine Zeit….Frag mich nochmal in 3 Wochen“ soll das eigentlich heißen: „Hey, ich bin super wichtig, erfolgreich, mache tausend Sachen gleichzeitig und überhaupt und eigentlich…!“ Hektik ist cool, ungefüllte Kalender sind peinlich.

Man kann leicht der Idee verfallen, „das Leben sei ein Wettlauf, auch wenn es in Wirklichkeit der persönliche Weg ist, der zählt“, so Carol Anne Strange in ihrem Artikel „Das Leben ist kein Wettlauf“, Magazin New Spirit. Schneller arbeiten, schneller essen, schneller die Kinder ins Bett, schneller aus dem Urlaub zurück.

Schneller leben.

Schneller fotografieren, denn dann können wir schneller mehr Bilder mit mehr Menschen in mehr Ländern teilen.

Hektisch durch das Leben hetzen?

Und wohin führt unser Verhalten, wenn wir immer mehr machen wollen, immer schneller agieren, reagieren und manipulieren möchten? Zu Fehlkäufen, Fehlentscheidungen und Fehltritten. Zu Wutausbrüchen im Straßenverkehr, zu Unfreundlichkeiten im Supermarkt, zu Streit in der Beziehung, zu Urlaub mit Laptop und zu Stress im Business. Zu nichtssagenden Fotos.

„Schnelligkeit führt zu Fehlern – und Hektik verhindert die Übersicht“, heißt es bei den Shaolin Mönchen.

Dass wir eigentlich selbst die Verursacher der Hektik und der permanenten Unterbrechungen sind, ist auf der anderen Seite eine gute Nachricht. So haben wir es theoretisch selbst in der Hand, die Hektik zu kontrollieren und anders zu gestalten. Dabei geht es darum, unsere Konzentration zu stärken und die Kontrolle über unsere innere Ruhe und geistige Stärke zu gewinnen. Nicht mehr Sklaven unseres hektischen Zeitplans zu sein. Und darum, unser geistiges Wohlbefinden wieder zurückzuerobern.

Warum? Weniger Hektik bedeutet weniger Stress und somit bessere Konzentration, informierte Entscheidungen, effizientes Handeln und bessere Fotos. Um dahin zu kommen, müssen wir Gewohnheiten aufrütteln und schütteln und uns bewusst machen, warum, wann, und wie wir hektisch reagieren und die Kontrolle verlieren. Wann lassen wir Ablenkung zu und verlieren unseren Fokus? Wann neigen wir dazu, mit operativer Hektik und blindem Aktionismus zu reagieren, weil wir keine Zeit, Ruhe und Geduld haben, uns wahrlich mit einer Person oder einem Prozess auseinanderzusetzen?

Gehen wir auf einen Fotospaziergang, möchten einen Ort oder ein bestimmtes Gebiet mit der Kamera entdecken, erfühlen und festhalten dann ist es besser, wenn sich der Fotograf in Geduld übt und keinen Termin „im Anschluss“ setzt. Oder versucht, das Fotografieren zwischen zwei Termine, auf dem Weg von A nach B, durchzuführen. Die Hektik und der innere Zeitdruck, der dann entsteht, beeinflusst das Sehen, Fühlen und Finden von Motiven und die Umsetzung in Bilder, die für sich sprechen.

Hektik und der goldene Mittelweg

Hektik heißt, zu viele Dinge und Termine in einem zu kurzen Zeitraum unterzubringen. Diese Zerstückelung von Aktivitäten ist zum normalen Standard geworden, an den wir uns gewöhnt haben. Mittlerweile gibt es allerdings viele Studien und Untersuchungen, die nachweisen, wie Hektik, Ablenkungen und Unterbrechungen unsere Fähigkeit untermalt, uns zu konzentrieren oder zu oberflächlichen Entscheidungen führt. Letztendlich drehen wir uns im Kreis und bekommen weniger geschafft.

Das soll alles nicht heißen, dass positiver Stress, zügiges Handeln und kontrollierte Schnelligkeit nicht auch ihren Platz haben. Sie geben uns Power, heizen uns an und können oft hilfreich sein. Es braucht ein Bewusstsein und Gefühl dafür, Situationen entsprechend einzuschätzen und die Geschwindigkeit, wie mit der Situation umgegangen wird, anzupassen. Das kann manchmal schneller, manchmal langsamer, oder irgendwas dazwischen sein. „Langsamkeit und Ruhe sind starke Waffen“, sagen die Shaolin Mönche. Wollen wir nicht die „besseren Waffen“ haben, um die Arbeit und den Alltag, oder genauso auch das Fotografieren, geschickter und klüger zu bewältigen?

Sein eigenes Tempo wiederfinden

Wenn wir der Hektik widersprechen und wir uns zutrauen, der Langsamkeit mehr Raum zu geben, dann gewinnen wir die Zeit und Ruhe, sinnvolle Lösungen, langfristige Verbindungen und klügere Entscheidungen zu treffen. Es bietet uns auch die Chance, wieder eine Verbindung zu uns selbst und zu unseren Zielen zu etablieren.

Im Deutschen heißt es ganz wunderbar, dass wir einer Sache oder einer Person unsere Aufmerksamkeit „schenken“. (Im Englischen dagegen „gibt“ oder „zahlt“ man seine Aufmerksamkeit einer Person oder einer Sache – pay/give attention to a person/something.) Schenken wir also uns selbst, unserem Gegenüber, unserem Umfeld mehr Aufmerksamkeit. Wir werden reichlich belohnt. Dadurch sammeln wir Informationen, schließen Wissenslücken und verstehen eine andere Person besser.

Eine Möglichkeit seine Aufmerksamkeitsfähigkeit zu üben bietet das SEHEN. Sehr viel Informationen nehmen wir durch Sehen auf. Allerdings sehen wir oft nicht bewusst, was wir gerade betrachten. Wir haben einen kurzen Eindruck aber wissen oder merken gar nicht, was eigentlich noch hinter der Person, dem Problem, der Situation steckt. Um unsere Wahrnehmung und Konzentration zu stärken hilft es, sich etwas bewusst zu betrachten und zu visualisieren. Ob dies das Foto oder Kunststück in einer Galerie ist, oder wir ganz banal im Bus, auf der Straße, im Geschäft oder im Büro bewusst unser Umfeld wahrnehmen. Die Hektik für einen Moment hinten anstellen und das Gesehene wirklich sehen, Details bemerken. Kurze Zeit später rufen wir uns dann diese Bilder und Details noch einmal ins Gedächtnis zurück. Wie sah das nochmal aus? Was waren die Details? Das Gehirn zu trainieren ist wie im Fitnessstudio seine Muskeln zu trainieren. Das geht nicht von heute auf morgen, es ist ein Prozess und verlangt, immer dranzubleiben.

„Ungeduld ist keine Tugend. Dranbleiben schon“, schreibt Wolf Lotter in brand eins (Ausgabe 05/2018).

Hier ist die Fotografie auch ein gutes Werkzeug. Ob wir uns ein wenig Zeit nehmen, mit der Kamera loszuziehen und nach Motiven schauen oder uns in ein ausgewähltes Motiv vertiefen, wir schulen dabei unsere Aufmerksamkeit, Geduld und Wahrnehmung.

Plädoyer für weniger Hektik und mehr eigener Rhythmus  

Weniger Hektik an den Tag zu legen soll nicht heißen, dass wir trödeln und faul werden oder uns rückwärts bewegen und hilfreiche Techniken ignorieren. Es gibt mittlerweile viele Menschen, die bewusster, weniger oberflächlich und mit mehr Kontrolle über ihr Leben in einer modernen Welt leben möchten – also moderne Technik mit Gelassenheit kombinieren. Wenn es mal schnell gehen muss, kann man durchaus einen Gang höher einlegen, wenn Bedacht und Aufmerksamkeit gefragt ist, nimmt man sich die Zeit dafür.

„Echte Gelassenheit ist eine Fähigkeit, die den meisten Menschen im Laufe ihres Lebens abhandenkommt. Viele beginnen zu reagieren, bevor sie überhaupt noch die gesamte Situation kennen“, beschreibt Bernhard Moestl ganz richtig.

Als Denkanstoß für die Leser möchte ich gerne die Worte von Leo Babauta von Zen-Habits nutzen: „Lasst uns gegen den hektischen Lebensstil rebellieren und langsamer werden, um das Leben zu genießen. Konzentrieren wir uns auf das wirklich Wichtige, auf das, was wirklich getan werden muss und lassen den Rest einfach weg.“

Ist das nicht auch das Mantra in der Fotografie? Sich im Bild auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren und den Rest wegzulassen? Das sind die Bilder, die wirken, die einen Eindruck hinterlassen, die eine Message rüberbringen, die einen berühren.


 

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Claudia Brose ist Co-Founder und Inhaber der IF/Academy InspirationFotografie. http://www.if-academy.net

Sie beschäftigt sich mit dem Thema: Wie können wir unsere Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung in einer Welt der Überforderung und Reizüberflutung trainieren?

Capture Your Moment. – Für mehr Wachsamkeit im Leben.

 

 

 

 

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