Gedanken zu: “Connecting” in Zeiten von “Disconnection”

Text Claudia Brose | Photo © rawpixel on Unsplash

Wir glauben, dass wir untereinander so prima connected sind, weil wir uns permanent über Soziale Media Kanäle online austauschen und verbinden mit unseren sogenannten Freunden. Einige von diesen Freunden sind tatsächliche Freunde, die nah oder fern von uns leben. Andere sind digitale Verbindungen mit Menschen, die wir kaum kennen oder uns nur online mit austauschen. Ich bin dankbar für die Existenz der Sozialen Medien und digitaler Kommunikationskanäle, da sie mir die Möglichkeit eröffnen, mich mit Freunden in aller Welt ganz einfach zu verbinden und auszutauschen. Oder mit der Familie oder mit Kollegen. Das ist ein großer Vorteil im Vergleich zu früher, wenn es eher umständlich war, in Verbindung zu bleiben und es dazu auch noch teuer war. Obwohl uns die Sozialen Medien und Email verbinden, sind wir gleichzeitig „disconnected“ (abgekoppelt, nicht wirklichverbunden). Die digitalen Kommunikationsmedien ermöglichen uns, eine tatsächliche Konversation mit Menschen in unserem Leben zu vermeiden und uns nur über Fotos und geschriebene Worte digital auszutauschen. Sehr praktisch, oder?

Aktuelle Erlebnisse zu „connecting“ und „disconnecting“ 

Ich war gerade in San Francisco und bei dieser Reise ging es vornehmlich darum, meine Freunde zu sehen. Ich habe lange in dieser Stadt gelebt und es ist mir wichtig, mit meinen Freunden in Verbindung zu bleiben und das auch persönlich, im Café oder beim Dinner. Freunde sind für mich ein wichtiger Teil des Lebens und ich bin dankbar für sie, ob in San Francisco, Deutschland oder sonst wo auf der Welt. Sie machen mein Leben reicher, runder und spannender. Somit gebe ich mir auch Mühe, die Freundschaften zu pflegen. Stehst du in Verbindung („connect“) mit deinen Freunden? Pflegst du deine Freundschaften oder schiebst du das auf später im Leben, wenn du wieder mehr Zeit hast und der Karrierestress und berufliche Druck weniger geworden sind?

Durch die Fotografie können wir uns mit Freunden, Bekannten und Unbekannten verbinden. Wir verbinden uns durch Worte und Gespräche aber auch durch Bilder. Worte und Bilder, für sich oder in Kombination, helfen im Austausch mit unseren Lieben und Freunden, Vergangenes aufzufrischen, Gegenwärtiges festzuhalten und Zukünftiges zu ersinnen. Mit meinen Freunden haben wir uns gegenseitig Bilder gezeigt, von unserem jeweiligen Leben und eine visuelle Brücke geschlagen zwischen unserem letzten zu unserem jetzigen Treffen.

In einer Unterhaltung berichtet mir ein befreundeter Unternehmer Anfang dreißig, dass es für seine Arbeit als junger Galeriebesitzer in San Francisco wichtig ist, sich auf persönlicher Ebene mit potenziellen Käufern, den Künstlern und den Akteuren der Kunstszene zu verbinden und auszutauschen. Mit den Leuten direkt zu sprechen, eine Beziehung aufzubauen, die nicht nur digital besteht, sei entscheidend für den Erfolg seiner Arbeit. Kunstwerke, Bilder und Fotografien sind visuelle Objekte mit teilweise absurd wahrgenommenen Werten (auf dem Kunstmarkt) und einem persönlichen Geschmacks-Wert. Hier hängen keine Preisschilder dran, hier spricht man von Angesicht zu Angesicht über die Kunstwerke, die Fotografien und ihre (Preis) Werte.

Kann „disconnected“ zu sein auch Vorteile haben?

„Disconnected“ zu sein kann das Leben schneller und einfacher machen. Keine Zeitverschwendung mit reden, stattdessen kann man ganz geschäftig auf seinem digitalen Gerät seine wichtigen Aufgaben erledigen. Wie effizient!  Können wir uns noch an die Zeit erinnern, wo wir laute Rufe „TAXI!“ auf der Straße hörten? Danach gab es einen kurzen Austausch wohin die Fahrt denn gehen solle und womöglich noch eine Konversation im Taxi über die Stadt, die letzten Fußballergebnisse oder über das Wetter. Diese Zeiten sind vorbei. Heute sehen wir Menschen mit ausgestreckten Hälsen die Straße abscannen nach ihrem digital bestellten Uber (oder sonstige neue Fahr-AnbieterServices), in das sie dann schweigend einsteigen und ohne weiteren Austausch mit dem Fahrer ab düsen, denn die Destination der Fahrt ist ja schon vorab per App vermittelt worden. Wie praktisch! So kann man sich sogleich wieder auf seinem digitalen Gerät mit wichtiger Arbeit und lesen beschäftigen, disconnected vom Fahrer, dem Verkehr oder der Welt, durch die man gerade chauffiert wird.

In einem Cafe in San Francisco beobachte ich, wie ein junger Mann vom Rücksitz eines Autosaussteigt, ins Cafe läuft, einen bereits vorbereiteten und mit seinem Namenversehenen Kaffee To Go, der auf der Theke wartet, schnappt (offensichtlichschon bezahlt) und wieder auf den Rücksitz des Wagens verschwindet und weggefahrenwird. Kein Hallo!, Wie geht’s? oder Dankeschön!. Sind wir schon so disconnected, dass wir unfähig sindnormale, soziale Interaktionen zu vollführen an Orten, die eigentlich derGeselligkeit dienen?

Die Kamera in der Hand kann uns dazu dienen, zu disconnecten, einen Abstand zwischen der Welt, dem Straßenleben und uns zu kreieren. Wie beobachten das Straßenleben und die Menschen, halten Momente mit der Kamera fest, ohne mit der Szene, den Menschen zu interagieren. Wie Henri Cartier Bresson in seiner Streetphotography. Als Beobachter, im sicheren Abstand hinter seiner Kamera, hält er das Leben fest, das wir heute noch auf seinen berühmten schwarz-weiß Bildern bewundern.

Asiatische Touristen können wir überall auf der Welt beobachten, wie sie nicht wirklich mit dem Ort, den sie besuchen, connecten sondern ihn nur durch ihre Kamera wahrnehmen. Disconnected, ohne einen bekannten Ort mit den eigenen Augen zu sehen oder sich dafür zu interessieren(so scheint es), wird die Kamera zum digitalen Aufnahmegerät. So brauchen sie sich nicht wirklich mit dem Erlebnis auseinandersetzen und können doch den Freunden, Familie und Kollegen zeigen, dass sie dort gewesen sind, wo alle hinwollen.

Wieso überhaupt „connecten“?

Verbindungen mit Menschen aufbauen heißt, ihnen mit Aufmerksamkeit zu begegnen, interessiert zu sein, neue Ideen und Input erfahren, die sie mit dir teilen. Connecting bedeutet, sich bewusst zu sein, was um einen herum geschieht und nicht permanent disconnected zu sein, weil wir uns mit der digitalen Welt verbinden, die uns mit Nachrichten,sozialen Media Häppchen und Emails füttern und ablenken. Connecting bedeutet, sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken, sich mit seinen eigenen Gedanken zu verbinden (und nicht mit den fremden, die uns ständig bombardieren), mit seinen Gefühlen und seinem Wohlbefinden. Da hilft es dann auch, sich hin und wieder von der Welt zu disconnecten, um die Ruhe und Muße zu finden, sich selbst und seine eigenen Wünsche wahrzunehmen.

Genauso wie das Fotografieren einen „Abstand“ zwischen sich und der Welt darstellen kann ist sie auf der anderen Seite ein wunderbares Mittel, eine Barriere aufzulösen und mit Menschen in Kontakt zu treten und durch das Bild eine Verbindung herzustellen. Ob es auf der Straße, an fremden Orten oder bei Portraitfotografie ist. Oder bei Touristen-Schnappschüssen („Können Sie mal gerade ein Foto von uns vor der Golden Gate Bridge machen? Danke!“). Eisbrecher, Gespräche initiieren. Fotos einer faszinierenden Person machen für die eigene Fotosammlung und die Person auf dem Foto freut sich über die Zusendung seines Bildes per Email – und schon wieder ist eine Verbindung entstanden in einer disconnected world.

Connecting in San Francisco

Und in SanFrancisco in der Fotografie-Szene? Dort haben wir mit einem Fotostudio und mit einemhochwertigen Druck- und Retouching Studio connected sowie mit einem Top Master in Photoshop. Vor Ort, persönlich, im „analogen“ Austausch über die Fotografie von gestern, heute und morgen. Über gemeinsame Ideen und Möglichkeiten. Vielleicht können das ein paar gute Zutaten für einen Fotoworkshop in San Francisco werden, einschließlich eines Fotografen, der 40 Jahre in San Francisco gelebt hat und zufällig ein Referent der IF/Academy ist… Es bleibt spannend!


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Claudia Brose ist Co-Founder und Inhaber der IF/Academy InspirationFotografie. http://www.if-academy.net

Sie beschäftigt sich mit dem Thema: Wie können wir unsere Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung in einer Welt der Überforderung und Reizüberflutung trainieren?

Capture Your Moment. – Für mehr Wachsamkeit im Leben.


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